Arztroman
Der Arztroman ist eine unscharfe Genrebezeichnung fĂŒr Romane, die im Ă€rztlichen Milieu spielen[1] und meist der Unterhaltungs- oder Trivialliteratur zugeordnet werden.
Entstehung des Genres
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Laufe des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten literarischen Werke, die Ărzte und deren Umfeld zu ihrem Hauptgegenstand machten. Die Verfasser konnten selbst literarisch dilettierende Mediziner sein, wie Heinrich Christoph August H.âC.âA. Osthoff mit Ferdinand Niederholdtâs eines jungen deutschen Arztes Lehrjahre (1808/1809)[2] oder E.âC.âV. Dietrich mit Des Arztes Lehr- und Wanderjahre auf Reisen und im Felde (1823)[3] â beide Titel lehnen sich an Goethes Bildungsroman Wilhelm Meister an.[4] Besonders erwĂ€hnenswert sind Jean Pauls Arzt-Novelle Dr. Katzenbergers Badereise (1809) und die ErzĂ€hlung Der Kreisphysikus (1883) von Marie von Ebner-Eschenbach.[5]
In der ersten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts erschienen vermehrt Romane, deren Autoren auch selbst Ărzte waren, die ihre eigenen Erfahrungen und Erlebnisse verarbeiteten. So schildert William Somerset Maugham in Of Human Bondage (1915, deutsche Erstausgabe: Der Menschen Hörigkeit (1939)), die Entwicklung eines Medizinstudenten zum Arzt, weitere bekannte Werke sind Sorrell and Son (1925, deutsch Hauptmann Sorel und sein Sohn (1927)) von Warwick Deeping und der mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Roman Arrowsmith (1925, deutsch: Dr. med. Arrowsmith (1925)) des LiteraturnobelpreistrĂ€gers Sinclair Lewis. Im deutschsprachigen Raum erschienen unter anderem die sozialkritischen Arztromane von Hans Lungwitz (FĂŒhrer der Menschheit (1910), Der letzte Arzt. Ein sozialer Roman aus der Zukunft (1912))[6] und Der Kavalier von Ernst Moritz Mungenast (1938).[5]
Im Jahre 1937 veröffentlichte A. J. Cronin seinen Roman The Citadel (deutsche Ăbersetzung: Die Zitadelle (1938)), der sich mit Fragen der medizinischen Ethik auseinandersetzt und ein kritisches Bild der Gesundheitsversorgung und Medizin in GroĂbritannien entwirft. Neben der im Vordergrund stehenden Gesellschaftskritik und der charakterlichen Entwicklung der Hauptperson im Sinne eines Entwicklungs- oder Bildungsromans enthĂ€lt der Roman, wie fĂŒr das Genre spĂ€ter typisch, auch eine Liebesgeschichte, die von zentraler Bedeutung ist.[7] Der Roman entwickelte sich zu einem der einflussreichsten BĂŒcher der 1930er Jahre in GroĂbritannien[7][8] und bald auch zu einem internationalen Bestseller,[9] bereits im darauffolgenden Jahr entstand eine erfolgreiche Verfilmung unter der Regie von King Vidor. Aufgrund seines Erfolges und Einflusses wird er heute oft als der klassische Arztroman betrachtet und sein Autor, der auch noch weitere Arztromane verfasste (u. a. Doctor Finlay of Tannochbrae, dt. Ein Held im Schatten), als BegrĂŒnder des Genres angesehen.[5][10] Weitere international bekannte Autoren von Arztromanen sind der Bestsellerautor Frank Gill Slaughter (u. a. That None Should Die (dt. Halbgott in Weiss), Woman in White (dt. Intensivstation), The Healer (dt. Chefarzt Dr. Carter)) und James Herriot, der in All Creatures Great and Small (dt. Der Doktor und das liebe Vieh) (1972) humorvoll die Erlebnisse eines Tierarztes auf dem Land schildert.[11]
In der deutschen Kriegsprosa nach 1945 spielte der Arztroman eine besondere Rolle: Durch die VerknĂŒpfung von hippokratischem Handeln und Heilen konnten die Kriegsverbrechen besonders einfach relativiert werden. Es wurde die Legende einer âsauberen Wehrmachtâ ĂŒber die Kriegsprosa in das gesellschaftliche Bewusstsein verankert.[12] Beispielhaft seien hier Die unsichtbare Flagge von Peter Bamm (1952) und Der Arzt von Stalingrad von Heinz G. Konsalik (1956) angefĂŒhrt.
Ein aktuelles Beispiel aus der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ist der Arztroman von Kristof Magnusson. Der Titel versteht sich hier nur bedingt als Genrebezeichnung, zeigt sich vielmehr als Finte und ironischer Verweis auf Groschenhefte.[13]
Der triviale Arztroman
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach dem Zweiten Weltkrieg etablierte sich in Deutschland der Arztroman vor allem als festes Genre innerhalb der Trivialliteratur. Dort behandelt er meist die gleichen Liebesthemen wie der Frauenroman.[14] Es werden regelhaft Dreiecksbeziehungen im Arzt- und Klinikmilieu behandelt, wobei als störende Dritte sowohl ein Rivale oder eine Rivalin, als auch eine Krankheit auftreten kann.[15] Der oder die Dritte wird am Ende des Romans als SĂŒndenbock geopfert.[15] Gleichzeitig wird damit die Lust am Leben, symbolisiert durch diese dritte Person, aus der so gefestigten Zweierbeziehung gezogen. Manfred Sera spricht deshalb davon, dass im trivialen Arztroman die nekrophilen Tendenzen zum Sieg kommen.[15] Die den trivialen Arztroman charakterisierende Auffassung von erfĂŒllter Beziehung, oft mit einer Krankenschwester oder anderen Mitarbeiterinnen eines Krankenhauses, stellt die Treue ĂŒber die Liebe: Die Liebe wird so zur Pflicht und damit zur Fessel.[16] Die Protagonisten des trivialen Arztromans antworten auf den Verlust des geliebten Partners mit einer totalen UnterdrĂŒckung der eigenen GefĂŒhle.[15][17]
Die ĂŒberwiegende Publikationsart dieser Arztromane ist der Heftroman, bei dem den Autoren oft enge schematische Vorgaben gemacht werden.[18] Diese Vorgaben beziehen sich sowohl auf die Handlung, als auch den Umfang: Drucktechnisch bedingt konnte jedes Heft nur 64 Innenseiten und einen Schutzumschlag haben. Neue Veröffentlichungen und Auflagen haben in der Regel ein kleineres Format und eine entsprechend gröĂere Seitenzahl (128 Innenseiten), sie sind wie TaschenbĂŒcher am BuchrĂŒcken verleimt.
Ein typisches Beispiel fĂŒr den trivialen Arztroman ist die seit 1973 erscheinende Arztromanserie Dr. Norden von Patricia Vandenberg, die mit mehr als 180 Millionen verkauften Exemplaren in mehreren Auflagen und ĂŒber 850 einzelnen Romanen wohl die erfolgreichste deutschsprachige Heftromanserie ist.[19][20] Eine weitere erfolgreiche Arztromanserie aus jĂŒngerer Zeit ist Dr. Katja König von der Schweizer Autorin Nicole Amrein. Sie erscheint seit 2001.[21] Die Leserschaft von Arztromanen in der Trivialliteratur besteht zu 95 % aus Frauen, auch Ă€lteren Frauen. Sie haben den niedrigsten Bildungsstand aller Liebesromanleserinnen, setzten sich jedoch etwas von den Berg- und Heimatroman-Leserinnen ab.[22][23]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Kaspar Niklaus Wildberger: Beates blondes Haar, oder, linguistische Aspekte von Schemaliteratur. P. Lang, 1988, ISBN 3-261-03952-3 (eingeschrÀnkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
- Bettina von Jagow, Florian Steger: Literatur und Medizin: Ein Lexikon. Vandenhoeck & Ruprecht, 2005, ISBN 3-525-21018-3.
- Solomon Posen: The Doctor in Literature. 1: Satisfaction or Resentment?. Radcliffe Publishing, Oxford 2004, ISBN 1-85775-609-6.
- Solomon Posen: The Doctor in Literature. 2: Private Life. Radcliffe Publishing, Oxford 2006, ISBN 1-85775-779-3 (eingeschrÀnkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
- Philipp A. Scott: The Medical Research Novel in English and German, 1900â1950. Popular Press, 1992, ISBN 0-87972-552-4.
- Borys Surawicz, Beverly Jacobson: Doctors in Fiction: Lessons from Literature. Radcliffe Publishing, 2009, ISBN 978-1-84619-328-6.
- Birgit Panke-Kochinke: Krankenschwesternromane (1914â2018). Kontexte â Muster â Perspektiven. Mabuse-Verlag, Frankfurt am Main 2019, ISBN 978-3-86321-423-4.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Anne Haeming: Arztroman â Obacht, der Onkel Doktor erzĂ€hlt was. Spiegel Online, 27. MĂ€rz 2013.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Deutsches Universalwörterbuch. Duden Verlag, Mannheim 2007, ISBN 978-3-411-05506-7, S. Eintrag: Arztroman.
- â Heinrich Christoph August Osthoff: Ferdinand Niederholdtâs eines jungen deutschen Arztes Lehrjahre. 2Â BĂ€nde. Seidel, Sulzbach 1808/1809 (Digitalisat).
- â Ewald Christian Victorinus Dietrich: Des Arztes Lehr- und Wanderjahre auf Reisen und im Felde. Ein historischer Roman aus den Zeiten der FeldzĂŒge in den Jahren 1809â1815. Goedsche, Meissen 1823 .
- â Vgl. Georg Stanitzek: Arztbildungsromane. Ăber âbildungsbĂŒrgerlichenâ Umgang mit Literatur zu Beginn des 19. Jahrhunderts. in: Internationales Archiv fĂŒr Sozialgeschichte der deutschen Literatur 16,1 (1991), S. 32â56 (PDF (10,4 MB)).
- 1 2 3 Ulrike Röper: Kleine Reise in die medizinische Belletristik. Der Arzt im Roman â von Kunst bis Kitsch. In: Ărztliche Praxis Gesundheitszeitung. Nr. 1, 2001, S. 5.
- â Annika Fellermeyer: Der Arzt Hans Lungwitz im Spiegel seiner sozialreformerischen Schriften (PDF; 2,8Â MB), Abschnitt 2.4. Dissertation, Uni-WĂŒrzburg 2005.
- 1 2 Ross McKibbin: Classes and Cultures: England 1918â1951. Oxford University Press, 1998, ISBN 0-19-820672-0, S. 484 ff. (eingeschrĂ€nkte Vorschau in der Google-Buchsuche)
- â Eintrag ( des vom 3. Dezember 2013 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprĂŒft. Bitte prĂŒfe Original- und Archivlink gemÀà Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. in der The Literature, Arts, and Medicine Database der NYU
- â A. J. Cronin. In: Die Zeit, Nr. 4/1981 (Kopie auf Zeit Online)
- â Martin B Van Der Weyden: Doctors as stars. In: Medical Journal of Australia, 17. Oktober 2008.
- â Gerhard Beckmann: Letzter Roman. In: Die Welt, 9. Juni 2001.
- â Eberhard Bahr: Defensive Kompensation. In: Hans Wagener (Hrsg.): Von Böll bis Buchheim: Deutsche Kriegsprosa nach 1945. Rodopi, Amsterdam / Atlanta GA 1997, ISBN 3-525-21017-5, S. 199 ff., insb. 210 f. (eingeschrĂ€nkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
- â Ursula MĂ€rz: Kommt er durch?. Die Zeit NÂș 41/2014
- â Walter Nutz: Der Trivialroman, seine Formen und seine Hersteller. Ein Beitrag zur Literatursoziologie. Westdeutscher Verlag, Köln 1962, S. 23 (eingeschrĂ€nkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
- 1 2 3 4 Manfred Sera: Verurteilt zum GlĂŒck. Der Konflikt zwischen Pflicht und Liebe im trivialen Arztroman. In: Zeitschrift fĂŒr Deutsche Philologie. Studien zur deutschen Literaturgeschichte und Gattungspoetik. Band 97. Erich Schmidt Verlag, Berlin 1978, S. 120â128 (Sonderheft).
- â Peter Nusser: Romane fĂŒr die Unterschicht. Groschenhefte und ihre Leser (= Texte Metzler. Band 27). 1. Auflage. Metzler, Stuttgart 1973, ISBN 3-476-00465-1, S. 39 f.
- â Eckart Klaus Roloff: Kitsch und Wirklichkeit. (Ăber die Darstellung von Krankenschwestern und Ărzten in Trivialromanen.) In: Schwesternrevue, 8. Jg. 1970, Heft 11, S. 12â16, und Heft 12, S. 17â20.
- â Joseph Gepp: Dreischgroschenheros ( vom 2. April 2015 im Internet Archive) in der Zeitschrift Datum (Ausgabe 8/2006)
- â Mathias Irle: Wie wird man eigentlich Arztromanautorin, Frau Schiede? In: FAZ Hochschulanzeiger. Nr. 73, 7. Juni 2004 (archive.org [abgerufen am 4. Januar 2009]).
- â Biographische Notiz zur Autorin ( vom 15. April 2009 im Internet Archive) auf doktor-norden.de
- â Anna Thalmann: Am Ende der kurzen SĂ€tze siegt die Liebe. (PDF; 101Â kB) In: NZZ, 15. Juni 2003.
- â Walter Nutz: Thema Heftromane. In: Werner Faulstich (Hrsg.): Medien und Kultur (= Zeitschrift fĂŒr Literaturwissenschaft und Linguistik (LiLi)). Beiheft 16. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1991, ISBN 3-525-21017-5, S. 111 (eingeschrĂ€nkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
- â Walter Nutz, Volker Schlögell: Die Heftroman-Leserinnen und -Leser in Deutschland. BeitrĂ€ge zur Erfassung popularkulturaler PhĂ€nomene. In: Communications. The European Journal of Communication. Band 16, Nr. 2. de Gruyter, 1991, ISSN 0341-2059, S. 129â235.