Zum Inhalt springen

Pilotton-Multiplexverfahren

aus Wikipedia, der freien EnzyklopÀdie
(Weitergeleitet von FM-Stereo)

Unter Pilotton-Multiplexverfahren,[1] Pilottonverfahren,[2] FM-Stereofonie[3] oder schlicht FM-Stereo versteht man das analoge Übertragungsverfahren fĂŒr stereophone Signale zur Übertragung ĂŒber frequenzmodulierte Sender, wie sie im UKW-Band (Radio) zum Einsatz kommen. Das Verfahren ist in der ITU-Empfehlung BS.450 (englisch Transmission standards for FM sound broadcasting at VHF) festgelegt.[4] Die StereotonĂŒbertragung bei analogem terrestrischen Fernsehen bei Zweikanalton und bei AM-Stereo unterscheidet sich von dem hier erlĂ€uterten Verfahren fĂŒr UKW-Rundfunk.

Schematisches Spektrum eines FM-Stereo-Multiplex­signals (Bereich bis 53 kHz) mit Erweiterung um RDS

Eine der Hauptforderungen fĂŒr das FM-Stereo-System ist die volle KompatibilitĂ€t mit der Monotechnik: MonogerĂ€te sollen auch bei Stereosendungen ein adĂ€quates Monosignal wiedergeben können; StereogerĂ€te sollen auch beim Empfang von Monosendungen das Monosignal gleichmĂ€ĂŸig auf ihren beiden AusgangskanĂ€len ausgeben. Deshalb scheidet die naheliegendste Möglichkeit, fĂŒr jeden Tonkanal einfach einen eigenen TrĂ€ger (also quasi einen eigenen Sender) zu verwenden, aus.

Stattdessen wird das Pilotton-Multiplexverfahren (FM MPX) verwendet. Dabei besteht das MPX-Basisbandsignal vor der FM-Modulation bzw. nach der FM-Demodulation aus drei Teilen[Anm 1], im Folgenden Multiplexsignal genannt:

  • Dem Mittensignal, also dem Summensignal aus linkem und rechtem Kanal (L+R); in Basisbandlage (d. h. in einem EmpfĂ€nger bereits fertig demoduliert).
  • Dem Seitensignal, also dem Differenzsignal aus linkem und rechtem Kanal (L−R); in Bandpasslage umgesetzt nach dem Verfahren der Amplitudenmodulation mit unterdrĂŒcktem TrĂ€ger (DSB-SC) auf einer Frequenz von 38 kHz.
  • Einem 19-kHz-Signal, dem sogenannten Pilotton. Er dient den EmpfĂ€ngern zur Erkennung einer Stereosendung und zur Demodulation des Seitensignals und wird spĂ€ter durch einen Kerbfilter entfernt. Manche GerĂ€te bieten diesen Filter zusĂ€tzlich ausdrĂŒcklich als sog. MPX-Filter zuwĂ€hlbar an.

Dieses Multiplexsignal als Summe der drei Teile wird direkt mittels Frequenzmodulation im UKW-Band ĂŒbertragen.

Der Pilotton mit 19 kHz, also der halben Frequenz des unterdrĂŒckten 38-kHz-TrĂ€gers, ermöglicht es dem EmpfĂ€nger, den 38-kHz-TrĂ€ger phasengenau wiederherzustellen. Aufgrund der Bandbegrenzung des zu ĂŒbertragenden Audiosignals auf etwa 15 kHz belegt das Summensignal den Spektralbereich bis ebendort, wĂ€hrend das umgesetzte Differenzsignal den Spektralbereich von 23–53 kHz belegt. Die entstehende LĂŒcke zwischen 15 und 23 kHz bietet bequem Platz fĂŒr den Pilotton. (Siehe hierzu die Abbildung mit dem schematisch dargestellten Spektrum; beachte den spektralen Abstand des 19-kHz-Pilottons zu anderen Nutzsignalen und vergleiche mit dem Abstand, den ein 38-kHz-Signal hĂ€tte.) So ist es ausreichend, höchstens 10 % des gesamten Modulationshubes des UKW-Senders fĂŒr den Pilotton vorzusehen; bei direkter Übertragung des TrĂ€gers mit 38 kHz wĂ€re ein viel stĂ€rkeres TrĂ€gersignal erforderlich. Dieses Verfahren erhöht zwar den Aufwand fĂŒr die Kodierung und Dekodierung, verbessert aber den Signal-Rauschabstand des NF-Signals. So erreicht ein monaural empfangener Stereo-Sender fast die gleiche SignalqualitĂ€t wie ein gleich starker reiner Mono-Sender.

Der Stereodecoder

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Stereodecoder mit Ringmischer bestehend aus vier Dioden als zentraler Block.(Telefunken, 1971)

Die Baugruppe im StereoempfĂ€nger, die aus dem demodulierten Multiplexsignal wieder das Stereosignal als linker und rechter Kanal zur VerfĂŒgung stellt, wird Stereodecoder genannt. Der Stereodecoder verdoppelt die Frequenz des Pilottons und regeneriert so den TrĂ€ger. Mit dessen Hilfe gewinnt er aus dem Multiplexsignal das Seitensignal, indem das (im Bild grĂŒnlich dargestellte) Seitensignal in Bandpasslage demoduliert wird, so dass es ebenfalls als Basisbandsignal zur VerfĂŒgung steht. FĂŒr eine gute Stereo-Trennung muss ein möglichst geringer Phasenfehler zwischen dem Pilotton und dem 38-kHz-TrĂ€ger im Decoder eingehalten werden.

Die weitere Signalverarbeitung im Stereodecoder erfolgt analog zur Dekodierung von MS-Stereofonie: Mit Hilfe von Summierschaltungen werden nach der Gewinnung des Mittensignals (L + R) und des Seitensignals (L − R) die Signale fĂŒr den linken und rechten Kanal gebildet:

(L + R) + (L − R) = (2) L
(L + R) − (L − R) = (2) R

Der Stereodecoder muss den Pilotton aus den beiden NF-KanĂ€len entfernen, da dieser knapp unterhalb der Hörgrenze liegt. Weiterhin muss er abhĂ€ngig von der EmpfangsqualitĂ€t die Stereodecodierung zu- bzw. abschalten, um bei schlechten Empfangsbedingungen ein ĂŒbermĂ€ĂŸiges Rauschen der Stereosignale zu vermeiden. Schlussendlich haben die meisten Stereodecoder die Möglichkeit, dem Radiohörer mit einer Signallampe den aktiven Stereobetrieb anzuzeigen.

Funktion des Stereodecoders

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Block­schaltbild kohÀrenter Demodulator (Philips Semiconductors, 1986)

Die Stereodekodierung wird seit den 1980er Jahren mittels kohĂ€renter Demodulation des Seitensignals und, je nach Kanal, einer Addition bzw. Subtraktion des Mittensignals und des Seitensignals erreicht. Da hierbei die Phasenlage des regenerierten TrĂ€gers stabil und exakt sein muss, wird eine Phasenregelschleife (PLL) eingesetzt, die die mit einem VCO erzeugte lokale TrĂ€gerfrequenz halbiert und stĂ€ndig in Frequenz und Phasenlage auf den Pilotton ausgeregelt. Die Demodulation erfolgt dann zum Beispiel mit einem Ringmischer, der aus TrĂ€ger und SeitenbĂ€ndern das Seitensignal (L − R) erzeugt. Nachfolgend muss dieses mit dem richtigen Pegel und jeweils unterschiedlichem Vorzeichen zum Mittensignal (L + R) addiert werden, um mit geringem Übersprechen die beiden StereokanĂ€le zu gewinnen.

Ein anderes Verfahren nutzt Schalt-Demodulatoren: Der Decoder erzeugt hierbei aus dem regenerierten TrĂ€ger ein 38-kHz-Schaltsignal, das das Multiplexsignal (ohne den Pilotton) ĂŒber Analogschalter im Takt der regenerierten TrĂ€gerfrequenz auf zwei getrennte TiefpĂ€sse mit je 15 kHz Grenzfrequenz leitet. Am Ausgang der beiden TiefpĂ€sse erhĂ€lt man dann jeweils direkt den linken bzw. rechten Audiokanal. Um den Pilotton zu entfernen, wird das Multiplexsignal vorher durch ein 19-kHz-Notchfilter gefĂŒhrt. Diese Schalter-Stereodecoder kommen ohne Additions- bzw. Subtraktionsstufen und Mischstufen zur Gewinnung des Seitensignals in seiner Basisbandlage sowie ohne Kondensatoren und InduktivitĂ€ten aus und können daher vollstĂ€ndig als integrierter Schaltkreis (IC) realisiert werden. Das Verfahren lĂ€sst sich auch auf digitaler Ebene implementieren und ermöglicht so die voll digitale Signalverarbeitung mittels Signalprozessoren.

Mono-EmpfÀnger

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Mono-EmpfÀnger gibt einfach das Multiplexsignal wieder. Das Seitensignal ist hierbei aufgrund seiner hohen Frequenz in der Bandpasslage (ab 23 kHz) unhörbar, und auch der Pilotton wird von den meisten Menschen wegen der Frequenz nahe der Hörschwelle und seinem geringen Schalldruckpegel nicht wahrgenommen. Lediglich das (ja bereits in Basisbandlage vorliegende) Mittensignal wird als Monosignal wahrgenommen.

EinfĂŒhrung des Standards

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Deutschland hatte sich bereits die Reichs-Rundfunk-Gesellschaft (RRG) versuchsweise mit der Produktion von Stereosendungen befasst. In Fortsetzung dieser Tradition nahm der Sender Freies Berlin in der Mitte der 1950er-Jahre dieses Thema wieder in Angriff und strahlte ab dem 26. Dezember 1958 versuchsweise Stereosendungen aus. Bei den ersten Versuchen wurden die fĂŒr die beiden Lautsprecher des Rundfunkhörers bestimmten Modulationen noch ĂŒber zwei getrennte UKW-Sender ausgestrahlt und mit zwei normalen EmpfangsgerĂ€ten empfangen. Die Versuche fanden großes Interesse bei den Berliner Hörern. Man war sich aber von vorneherein darĂŒber klar, dass endgĂŒltig nur ein Verfahren in Frage kam, bei welchem ein einziger UKW-Kanal benutzt wird, dessen TrĂ€gerfrequenz doppelt moduliert wird.

FĂŒr diese Doppelmodulation gab es eine Reihe von VorschlĂ€gen amerikanischer und europĂ€ischer Fachleute. Gegen Ende der 1950er-Jahre setzten verstĂ€rkt BemĂŒhungen ein, in Europa einheitliche Normen fĂŒr die Ausstrahlung stereophoner Sendungen zu schaffen. Die Technische Kommission der EuropĂ€ischen Rundfunkunion (EBU) grĂŒndete eine Arbeitsgruppe, die unter Beteiligung von Experten des Rundfunks, der Postverwaltungen und der Industriefirmen aus einer Reihe europĂ€ischer LĂ€nder die technischen Fragen der Rundfunk-Stereophonie theoretisch und experimentell studierte und die verschiedenen vorgeschlagenen Verfahren auf ihre Eignung prĂŒfte. Es ging dabei vor allem um zwei Probleme: Erstens um die Vermeidung des Übersprechens, das heißt die möglichst gering zu haltende gegenseitige Beeinflussung der beiden ModulationskanĂ€le, und zweitens um die Mono-KompatibilitĂ€t. In der Bundesrepublik wurden die zur Lösung dieser Probleme erforderlichen Untersuchungen vom Institut fĂŒr Rundfunktechnik (IRT) in Zusammenarbeit mit den Rundfunkanstalten, der Bundespost und der Industrie durchgefĂŒhrt.

Als bestes Verfahren erwies sich bis heute das von den US-amerikanischen Firmen General Electric und Zenith Electronics Corporation entwickelte, in diesem Artikel oben beschriebene Pilotton-Multiplexverfahren. Maßgeblich daran beteiligt war der ungarischstĂ€mmige Ingenieur Antal CsicsĂĄtka[5][6]. 1962 wurde es von der EBU als Norm empfohlen und in den meisten LĂ€ndern Westeuropas eingefĂŒhrt. Erste Stereo-Sendungen strahlten die ARD und der Rundfunk der DDR ab 1963 aus.

Geschichte der Implementierung

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
FrĂŒher voll­transistor­isierter Stereo­decoder der Fa. PGH Tonfunk Ermsleben/Harz, etwa 1968

Erste Stereodecoder arbeiten mit diskreten Bauteilen wie Spulen, Schwingkreisen und Transistoren – kurze Zeit waren sogar röhrenbestĂŒckte Stereodecoder erhĂ€ltlich. In den ersten Stereodecodern wird der Pilotton herausgefiltert, frequenzverdoppelt und damit das Differenzsignal demoduliert. Das demodulierte Differenzsignal wird nun in je einer Matrixschaltung pro Kanal zum Summensignal ohne Invertierung bzw. mit Invertierung addiert (Subtraktion).

In West-Deutschland wurden ab ca. 1964 bei hochwertigen FM-EmpfĂ€ngern bereits volltransistorisierte Stereodecoder eingesetzt und konnten bei Ă€lteren, schon dafĂŒr vorgesehenen GerĂ€ten nachgerĂŒstet werden. In der DDR wurde der erste volltransistorisierte Stereodecoder fĂŒr RundfunkempfĂ€nger im Jahre 1965 bei der PGH Tonfunk Ermsleben (Harz) produziert. Er wurde in Zusammenarbeit mit dem VEB Zentrallaboratorium fĂŒr Rundfunk und Fernsehempfangstechnik (ZRF) Dresden entwickelt und bis 1969 hergestellt.

Modernere Stereodecoder synthetisieren den 38-kHz-TrÀger mit einer PLL-Regelschleife (PLL-Decoder), wodurch sich niederfrequentes Rauschen wesentlich verringert. Das demodulierte Differenzsignal wird auch hier in je einer Matrixschaltung pro Kanal zum Summensignal ohne Invertierung bzw. mit Invertierung addiert. Integrierte Stereodecoder kommen ohne jegliche Spulen aus und wurden in speziellen integrierten Schaltkreisen (z. B. die Typen LM1310 (National), MC1310 (Motorola), SN76114 (TI), TDA7040 (Philips, 1986), TCA4500 (Motorola, 1976) und A290 (HFO)) zusammengefasst. Es sind nur wenige externe WiderstÀnde und Kondensatoren erforderlich.

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. ↑ Frequenzbereiche fĂŒr andere Dienste wie z. B. Radio Data System (RDS) sind in dieser Darstellung nicht berĂŒcksichtigt.

Einzelnachweise

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. ↑ Christiane Klaus: Messungen an FM-Sendern fĂŒr Abnahme, Inbetriebnahme oder Wartung, Applikationsschrift, Rohde & Schwarz, S. 6, Kap. 2.1 – Das Multiplexsignal (MPX-Signal), abgerufen am 1. Dezember 2018
  2. ↑ Otger Neufang (Hrsg.): Lexikon der Elektronik, Springer-Verlag, 12. MĂ€rz 2013, S. 381, abgerufen am 2. Dezember 2018
  3. 1 2 Detlef Mietke: Informations- und Kommunikationstechnik: Stereorundfunk, 2002–2018, abgerufen am 28. November 2018
  4. ↑ BS.450 : Transmission standards for FM sound broadcasting at VHF. Internationale Fernmeldeunion, abgerufen am 9. Februar 2013.
  5. ↑ G.E. Stereo‐FM System Patented; Hungarian Engineer, Who Fled in 1956, Is the Inventor (Published 1964). In: nytimes.com. 29. Februar 1964, abgerufen am 3. Februar 2024 (englisch).
  6. ↑ https://hungarianfreepress.com/2019/08/24/antal-csicsatka-developer-of-fm-stereo-standard/