Vaganten

Als Vaganten (lateinisch vagari, âumherstreifenâ, âziellos unterwegs seinâ, daher clericus vagans âumherziehender Geistlicherâ, Plural clerici vagantes) oder auch Goliarden (aus dem Französischen, Etymologie unklar, hierzu siehe unten), deutsch âfahrende SchĂŒlerâ oder âfahrende Scholarenâ, werden umherziehende Kleriker auf der Suche nach einem geistlichen oder weltlichen Amt, Studenten und allgemein gelehrte BohĂšme des 12. und 13. Jahrhunderts bezeichnet.
Die Forschung nahm lange an, dass aus dem Milieu dieses umherziehenden Gelehrtenvolks die sogenannte Vagantendichtung (auch Goliardendichtung genannt) entstammt, lateinische weltliche Lyrik und Spruchdichtung, die sich durch volksnahe Themen und Ton von der gleichzeitigen höfischen Dichtung abgrenzt. Dieser Ansatz gilt jedoch als ĂŒberholt, da die Verfasser der Vagantendichtung oft als Kleriker identifiziert werden können, die fest in die Kirchenhierarchie integriert waren und hĂ€ufig als Lehrer im SĂ€kularklerus arbeiteten.[1]
Dass zwischen den Vaganten und fahrendem Volk teilweise kein groĂer Unterschied gemacht wurde, mag einerseits von tatsĂ€chlich vorhandener Armut und sicher auch einiger Zuchtlosigkeit in den Randbereichen der mittelalterlichen Gelehrtenwelt herrĂŒhren, andererseits jedoch auch daher, dass sich der Begriff clerici vagantes auf einen Missstand in der Kirche des 5. und 6. Jahrhunderts bezog, gegen den sich schon Verordnungen des Konzils von Chalcedon richteten: Zu jener Zeit konnte sich im Prinzip jeder, der wollte, als Mönch bezeichnen und hatte als solcher Anspruch auf die zumindest zeitweilige Gastfreundschaft eines Klosters. Die Folge war, dass die Zahl selbsternannter Mönche, die vor allem im oströmischen Reich von Kloster zu Kloster zogen, zu einem echten Problem wurde.
Die Herkunft der Bezeichnung Goliard (lat. Goliardus) ist unklar. Vorgeschlagen wurde eine Ableitung von gula (lat. âVöllereiâ), vom französischen gaillard (âfröhlicher Mannâ) oder von Golias, der lateinischen Form des Namens des biblischen Riesen Goliath. Die Figur des Goliath war im Mittelalter zunĂ€chst einmal eine Verkörperung des Bösen â als solche wurde sie auch von Bernhard von Clairvaux gebraucht, der in einem Brief den Gelehrten Peter Abaelard mit Goliath verglich. Da enge Verbindungen zwischen dem Kreis um Abaelard und einigen bekannten Vagantendichtern belegt sind, wurde die Namensherleitung auf diesen Vergleich gestĂŒtzt.
Einen den Mönchsorden nachgebildeten Ordo Vagorum (âVagantenordenâ), wie er in den Carmina Burana erwĂ€hnt wird,[2] dem dann vielleicht noch ein Bischof Golias vorgesessen hĂ€tte, hat es wohl nur in literarischer Form gegeben.
In der Wandervogel-Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die Wander- und GruppenfĂŒhrer Bachanten oder in SĂŒddeutschland meist Pachanten genannt. Die Bezeichnung geht auf Karl Fischer zurĂŒck, der die Neulinge immer wieder darauf hinwies, dass dies nichts mit Bacchus und Bacchanten zu tun habe, sondern von den mittelalterlichen Vaganten abgeleitet sei.[3]
In Italien und der italienischen Schweiz gibt es seit dem 19. Jahrhundert Goliardische Orden genannte studentische Fest- und Karnevalsgesellschaften.
Das Goliathhaus in Regensburg wurde vermutlich nach den Goliarden benannt.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Ludwig Laistner: âGoliasâ. Lieder der Vaganten. Herausgegeben von Eberhard Brost, Lambert Schneider, Berlin o. J. (1939)
- Heinrich Naumann: Gab es eine Vaganten-Dichtung? In: Der altsprachliche Unterricht 12 (1969), H. 4, S. 69â105.
- J. Pucci: Goliardic Verse. In: Roland Greene, Stephen Cushman et al. (Hrsg.): The Princeton Encyclopedia of Poetry and Poetics. 4. Auflage. Princeton University Press, Princeton 2012, ISBN 978-0-691-13334-8, S. 574 (eingeschrÀnkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
- Hans Steinger: Fahrende Dichter im deutschen Mittelalter. In: Deutsche Vierteljahrsschrift fĂŒr Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 8 (1930), S. 61â81.
- Helen Waddell: The wandering scholars. Constable, London 1927.
- Marian WeiĂ: Die mittellateinische Goliardendichtung und ihr historischer Kontext : Komik im Kosmos der Kathedralschulen Nordfrankreichs, GieĂen 2018 (Open Access unter: https://d-nb.info/1162443219/34 ).
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Marian WeiĂ: Die mittellateinische Goliardendichtung und ihr historischer Kontext : Komik im Kosmos der Kathedralschulen Nordfrankreichs. 2018, S. 197â215, abgerufen am 16. Juli 2018.
- â Carmina Burana 219
- â Werner Helwig: Die Blaue Blume des Wandervogels. Heidenheim an der Brenz 1980, S. 32f.