Heilende Architektur
Als Heilende Architektur (englisch healing architecture) wird in der Architektur von Gesundheitsbauten ein planerischer Ansatz bezeichnet, mit dem das körperliche und seelische und Wohlbefinden von Patienten, Personal und Angehörigen gestÀrkt werden soll.
Begriffsentstehung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Wegbereiter fĂŒr das Konzept der heilenden Architektur war eine 1984 im Wissenschaftsmagazin Science veröffentlichte Studie des Architekturprofessors Roger Ulrich, in der zwei Gruppen von Patienten verglichen wurden, die im Krankenhaus nach identischen Operationen durch ihre Zimmerfenster entweder auf einen Park mit BĂ€umen oder auf die Betonmauer des NachbargebĂ€udes sehen konnten. Patienten, die auf den Park sehen konnten, benötigten deutlich weniger Schmerzmittel, litten seltener an Depressionen und konnten im Schnitt einen Tag frĂŒher nach Hause entlassen werden, als die Patienten der Vergleichsgruppe.[1] In der Folgezeit erschienen zahlreiche weitere Studien, die sich mit Ă€hnlichen Fragestellungen befasst haben.
In ihrem 2009 erschienenen Buch âHeilende Architekturâ definierten Frandsen und Mullins heilende Architektur als unterstĂŒtzenden Faktor in dem menschlichen Heilungsprozess.[2]
Das Fachgebiet âEntwerfen von KrankenhĂ€usern und Bauten des Gesundheitswesensâ des Instituts fĂŒr Architektur an der TU Berlin unter Leitung von Christine Nickl-Weller behandelt Heilende Architektur seit 2009 als einen seiner Forschungsschwerpunkte und publizierte 2013 den Tagungsband âHealth Care der Zukunft 4: Healing Architectureâ.[3] Hier findet der Begriff âHealing Architectureâ im deutschsprachigen Raum zum ersten Mal Verwendung in einer Publikation. Es sind seitdem unter der Leitung von Christine Nickl-Weller eine Reihe von Symposien und Tagungen zu Healing Architecture durchgefĂŒhrt worden, zum einen die Symposiumsreihe âHealthcare der Zukunftâ in Berlin in den Jahren 2010, 2012 und 2014, zum anderen die vom Bundesministerium fĂŒr Gesundheit geförderten Expertentagungen Healing Architecture as Keynote in Foreign Health Economics, Berlin 2011; Healing Architecture, St. Petersburg 2013; Healing Architecture as Stepping Stone to Innovative Healthcare, Dubai 2015.
Ziel und Inhalt
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Heilende Architektur nimmt Bezug auf das Konzept der heilenden Umgebung, welches hauptsÀchlich auf Forschungsergebnisse der Neurowissenschaften und der Umweltpsychologie aufbaut, und erweitert dieses Konzept um architektonische Fragestellungen (z. B. baukonstruktive, programmatische und stÀdtebauliche) und um die Perspektive der Nutzergruppe Personal, d. h. Àrztliches und Pflegepersonal.
Das ĂŒbergeordnete Ziel ist die Verbesserung der QualitĂ€t von Gesundheitsbauten durch eine den BedĂŒrfnissen des Menschen folgende und dessen Genesung unterstĂŒtzende Architektur. Die zentrale Fragestellung von Heilender Architektur lautet: Wie kann Architektur zur Heilung beitragen?[4] Konkret strebt Heilende Architektur Verbesserungen im Gesundheitswesen in folgenden Bereichen an:
- Genesungsprozess von Patienten
- Arbeitskonditionen des Personals
- UnterstĂŒtzung durch Angehörige
Als Einflussfaktoren, die sich begĂŒnstigend in Gesundheitsbauten auswirken können, wurden Faktoren wie Licht (natĂŒrliches und kĂŒnstliches), Farben, Naturbezug, die akustische Umgebung und die LuftqualitĂ€t (Temperatur und LĂŒftung) identifiziert. In Bezug auf das architektonische Layout wird zum Beispiel die WegefĂŒhrung und deren Einfluss auf verbesserte Orientierung und damit zusammenhĂ€ngend die Verminderung von Stress untersucht. Unterbringung in Einzelzimmern im Vergleich zu Mehrbettzimmern wird in Bezug zu Hygiene, Ăbertragung von Infektionen und Schlafverhalten gesetzt.
Christine Nickl-Weller und Hans Nickl stellen in ihrem Buch âHealing Architectureâ 10 Thesen zu Healing Architecture unter den Titeln: Basics, Identity, Social Justice, Urbanism, Politics, Program, Change, Space, Human, Challenges auf. Die 10 Thesen illustrieren die thematische Bandbreite, in der sich Healing Architecture bewegt.[4]
Als ein forschungsbasierter Planungsansatz nennt Healing Architecture die Methode des Evidence-based Design, welche das Planen unter BerĂŒcksichtigung wissenschaftlich erwiesener Wechselwirkungen zwischen gebauter Umgebung und körperlichem und seelischen Wohlbefinden meint.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Katharina Brichetti, Franz Mechsner: Heilsame Architektur. RaumqualitÀten erleben, verstehen und entwerfen. transcript, Bielefeld 2019, ISBN 978-3-8376-4503-3.
- Frandsen, A. K., Mullins, M., Ryhl, C., Folmer, M. B., Fich, L. B., Ăien, T. B., & SĂžrensen, N. L.: Helende arkitektur. Aalborg: Institut for Arkitektur og Medieteknologi.(Institut for Arkitektur og Design Skriftserie; Nr. 29). 2009, ISBN 978-87-7723-624-2.
- Christine Nickl-Weller; Hans Nickl: Healing Architecture. Braun Publishing AG, Salenstein 2013, ISBN 978-3-03768-140-4.
- Christine Nickl-Weller (Hg.), Tanja Eichenauer(Hg.), Stefanie Matthys (Hg.): Health Care der Zukunft 4: Healing Architecture. Berlin: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft 2013, ISBN 978-3-939069-62-1.
- Christine Nickl-Weller (Hg.), Stefanie Matthys (Hg.), Tanja Eichenauer (Hg.): Health Care der Zukunft 5: Healing Architecture & Communication. Berlin: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 2015, ISBN 978-3-95466-116-9.
- Valera Sosa, Ă., Matthys, S.: From concepts in Architecture to German Health Economics, A report on Healing Architecture as a Keynote in Foreign Health Economics. Hrsg.: Christine Nickl-Weller. Berlin: UniversitĂ€tsverlag der TU Berlin, 2014, ISBN 978-3-7983-2691-0 (online), (2nd edition, first published 2012).
- Buether, Axel; Wöbker, Gabriele: Studie 1 Intensivstationen 3 und 5 Helios UniversitĂ€tsklinikum Wuppertal âBeurteilung der psychologischen und medizinischen Wirkungen der Umweltfaktoren Farbe und Licht auf Patienten und Personal im Bereich der Intensivmedizin â Ergebnis: Senkung Verbrauch von Neuroleptika auf den beiden Intensivstationen um durchschnittlich 30,1%â, 2019, DOI:10.13140/RG.2.2.28780.10884
- Buether, Axel; Wöbker, Gabriele: Studie 2 Intensivstation B2-2 Helios UniversitĂ€tsklinikum Wuppertal âBeurteilung der psychologischen und gesundheitlichen Wirkungen der Umweltfaktoren Farbe und Licht auf Patienten und Personal im Bereich Intensivmedizin â Ergebnis: Senkung Krankheitsstand beim Pflegepersonal um durchschnittlich 23,1%â, 2020, DOI:10.13140/RG.2.2.31296.69127
- Buether, Axel; âDie geheimnisvolle Macht der Farben. Wie sie unser Verhalten und Empfinden beeinflussen.â Droemer Knaur 2020, ISBN 978-3-426-27787-4.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Technischen UniversitĂ€t Berlin, Fachgebiet Entwerfen von KrankenhĂ€usern und Bauten des Gesundheitswesens am Institut fĂŒr Architektur
- Nickl & Partner Architekten AG, Prof. Christine Nickl-Weller, Prof. Hans Nickl
- Aalborg University, Prof. Michael Mullins
- Matthias Lauerer: Klinik-Architektur: Schick heilt schneller Der Spiegel, 14. Juni 2013.
- Ă1 Radiodoktor â Architektur und Gesundheit:
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Roger S. Ulrich: View through a window may influence recovery from surgery. Science, 27. April 1984, 224 - 420(2) ( PDF; 15 kB ( des vom 13. Mai 2016 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprĂŒft. Bitte prĂŒfe Original- und Archivlink gemÀà Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.)
- â Frandsen, A. K., Mullins, M., Ryhl, C., Folmer, M. B., Fich, L. B., Ăien, T. B., & SĂžrensen, N. L. (2009). Helende arkitektur. Aalborg: Institut for Arkitektur og Medieteknologi. (Institut for Arkitektur og Design Skriftserie; Nr. 29). ISBN 978-87-7723-624-2
- â Christine Nickl-Weller (Hg.), Tanja Eichenauer (Hg.), Stefanie Matthys (Hg.): Health Care der Zukunft 4: Healing Architecture. Berlin: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft 2013, ISBN 978-3-939069-62-1
- 1 2 Christine Nickl-Weller; Hans Nickl: Healing Architecture. Braun Publishing AG, Salenstein 2013, ISBN 978-3-03768-140-4.