Johann Andreas Harmssen
Johann Andreas Harmssen (* 22. Mai 1782 in Bremen; â 29. Januar 1861 ebenda) war ein deutscher KapitĂ€n, der die erste Weltumseglung in der Geschichte der deutschen Seefahrt leitete. Sein Familienname wurde ursprĂŒnglich Harmsen geschrieben, es gibt aber auch weitere Varianten wie etwa HarmĂen. In der Schreibweise Harmssen wurde er in der zeitgenössischen Presse des 19. Jahrhunderts bekannt.
Abstammung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Harmssen kam als Sohn des gleichnamigen Bremer Fuhrmanns Johann Andreas Harmsen (1751â1793) und der Anna Harmsen geb. Lehe (1748â1826) zur Welt.[1] Harmssens 1777 geborene Ă€ltere Schwester Anna Helena Harmsen heiratete 1797 den KapitĂ€n Johann Heinrich Wendt (1765â1847), deren Sohn der spĂ€tere KapitĂ€n und viermalige Weltumsegler Johann Wilhelm Wendt war.[2]
Seefahrer
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach seiner Ausbildung zum Seemann stieg Harmssen zu einem erfahrenen und allseits geachteten Bremer Seeschiffer auf, der seit 1814 das Kommando auf gröĂeren Segelschiffen fĂŒhrte.[3]
Erste Weltumseglung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]1820 erhielt Harmssen den Befehl ĂŒber die Mentor, womit er 1822 bis 1824 im Auftrag der königlich preuĂischen SeehandlungssocietĂ€t die erste deutsche Weltumseglung durchfĂŒhrte. Zum Auftrag des KapitĂ€ns gehörte es neben der sicheren FĂŒhrung des Schiffs, die Wind- und Meeresströmungen zu messen und damit wichtige BeitrĂ€ge zur Hydrografie und Klimatologie zu liefern. AuĂerdem sollte er unerforschte Inseln und KĂŒsten erfassen und vermessen. Eine weitere wichtige Aufgabe war es, neue Handelsverbindungen zwischen dem Königreich PreuĂen und West- bzw. Ostindien, mit SĂŒdamerika und China herzustellen und so neue Absatzmöglichkeiten fĂŒr die preuĂische Industrie und Wirtschaft zu schaffen. Bei dieser Reise wurde Harmssen von dem fĂŒr die Fracht verantwortlichen Supercargo Wilhelm Oswald begleitet. Ebenfalls an Bord war der Steuermann Eggers und Harmssens Neffe Johann Wilhelm Wendt als Untersteuermann. Es wurde nach der Abreise von Bremen am 15. Dezember 1822 und der Durchquerung des Atlantiks von Nord nach SĂŒd im MĂ€rz 1823 zunĂ€chst die schwierige Umseglung Kap Hoorns gemeistert. WĂ€hrend eines dreitĂ€gigen Orkans im Juni 1823, bei der das Schiff vor der chilenischen Hafenstadt ValparaĂso vor Anker lag, gelang es KapitĂ€n Harmssen, sein Schiff zu retten, wĂ€hrend 24 andere Schiffe vom Orkan an den Strand getrieben und zertrĂŒmmert wurden. Auch die Gefahr, dass die Mentor am 21. Oktober 1823 beinahe zur Beute von Piraten geworden wĂ€re, konnte dank seiner umsichtigen FĂŒhrung der Mannschaft und dank des Verhandlungsgeschicks des Supercargos Oswald erfolgreich abgewendet werden. In Hawaii gestattete Harmssen dem Eingeborenen Harry Maitey die Mitreise nach Europa, womit erstmals ein Polynesier nach PreuĂen gelangte. Bei seiner ersten erfolgreichen Weltumrundung legte Harmssen rund 39.000 Seemeilen zurĂŒck, was etwa 72.228 km entspricht. Die Reise dauerte insgesamt ein Jahr und 273 Tage, wobei die Mentor 362 Tage auf offener See war. Keinen seiner 22 Besatzungsmitglieder hatte KapitĂ€n Harmssen auf dieser Reise verloren.[4] In SwinemĂŒnde fand nach der Beendigung der Weltumseglung ein Empfang durch Staatsminister Graf von BĂŒlow und Oberfinanzrat Christian Rother, dem PrĂ€sidenten der Seehandlungsgesellschaft, statt. Von SwinemĂŒnde reiste KapitĂ€n Johann Andreas Harmssen ĂŒber Stettin nach Berlin, wo er von König Friedrich Wilhelm III. empfangen wurde. Der in der zeitgenössischen Presse als âbremischer Cookâ bezeichnete KapitĂ€n Harmssen wurde fĂŒr seine Leistung mit dem Allgemeinen Ehrenzeichen erster Klasse ausgezeichnet.[5] Im Focke-Museum wird das Original des Schiffsjournals[6] aufbewahrt.
Zweite Weltumseglung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Eine zweite Weltumseglung unter der Leitung von KapitĂ€n Harmssen fand von 1826 bis 1829 mit der Princess Louise statt. Auch auf dieser Reise waren Johann Wilhelm Wendt als Steuermann und der Supercargo Wilhelm Oswald an Bord. Vom 5. Februar 1828 bis zum 6. MĂ€rz 1828 befand sich das Schiff im Hafen von Honolulu vor Anker. In dieser Zeit kam es zu engeren Kontakten mit dem jungen König Kamehameha III. von Hawaii, der zu der Zeit noch unter der Regentschaft seiner Mutter KaÊ»ahumanu stand. Es gab gegenseitige Besuche an Bord der Princess Louise und im Königspalast. Als Geschenk fĂŒr den König von PreuĂen wurde KapitĂ€n Harmssen und dem Supercargo Wilhelm Oswald der Federmantel König Kamehamehas I. nebst einem Sendschreiben mitgegeben. Der Federmantel befindet sich heute noch im Ethnologischen Museum in Berlin. Nach dieser zweiten Weltumrundung trat Harmssen von der Leitung weiterer geplanter Weltumrundungen im Auftrag der PreuĂischen Seehandlung zurĂŒck und ĂŒberlieĂ seinem bewĂ€hrten Neffen Johann Wilhelm Wendt diese Aufgabe.
Weiterer Werdegang
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach der TĂ€tigkeit fĂŒr die preuĂische Seehandlung trat Harmssen 1830 in den Dienst der von Carl Theodor Gevekoht gegrĂŒndeten Bremer Reederei Gloystein & Gevekoht, welche nach dem RĂŒckzug des GrĂŒnders als Handelshaus N. Gloystein Söhne firmierte. Dieses Unternehmen war hauptsĂ€chlich im Amerikahandel aktiv. WĂ€hrend dieser Zeit hatte Harmssen von 1830 bis 1833 das Kommando ĂŒber die Virginia, welche frĂŒher unter dem Namen Manhattan fuhr, und 1835 ĂŒber das neue Vollschiff Copernicus. Nachfolger als KapitĂ€n auf der Copernicus wurde KapitĂ€n Hinrich Haesloop.[7] Im Jahre 1837 ĂŒbernahm Harmssen das Amt des Wasserschout in Bremen. Dieses Amt ĂŒbte er bis zu seinem Tod 1861 aus.
Privates
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]1814 heiratete KapitĂ€n Harmssen Anna Helena Kramer (1785â1821). Aus der Ehe ging die 1815 geborene Tochter Henriette hervor. Harmssens Frau starb am 28. November 1821 nach der Geburt einer zweiten Tochter, die das SĂ€uglingsalter nicht ĂŒberlebte. Harmssen wohnte in der KnoopstraĂe 23 im Bremer Stephaniviertel. Die StraĂe existiert heute nicht mehr, nachdem das Stephaniviertel im Zweiten Weltkrieg in weiten Teilen zerstört wurde.
Rezeption
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Weltumrundungen mit den Schiffen Mentor und Princess Louise gingen durch die zeitgenössische Presse und erreichten in gebildeten Kreisen einen hohen Bekanntheitsgrad. Dies ist zum Beispiel in Theodor Fontanes autobiographischem Roman Meine Kinderjahre bezeugt, wo er sich 1892, also fast siebzig Jahre spĂ€ter, an ErzĂ€hlungen ĂŒber eine Begegnung der Mentor mit Piraten erinnert. Fontane beschreibt eine fiktive Heldentat des KapitĂ€ns der Mentor, ohne jedoch den Namen Johann Andreas Harmssen zu nennen.[8]
Die Person Johann Andreas Harmssens geriet nach den Weltumrundungen im Gegensatz zu seinem Neffen Johann Wilhelm Wendt weitgehend in Vergessenheit. So fehlt zum Beispiel in der Bremischen Biographie des neunzehnten Jahrhunderts sein Name im Gegensatz zu dem Eintrag ĂŒber Wendt. Auch gibt es keine Biographie von Johann Andreas Harmssen und die Bremer Weser-Zeitung verzichtete anlĂ€sslich seines Todes 1861 auf einen Nachruf. Auch das in den Jahren 2001 bis 2008 in drei BĂ€nden herausgegebene GroĂe Bremenlexikon liefert keinen Hinweis auf KapitĂ€n Johann Andreas Harmssen. Dies ist bemerkenswert, da Johann Andreas Harmssen 1822 bis 1824 die erste Weltumrundung in der Geschichte der deutschen Seefahrt leitete und andere seefahrende Nationen das Andenken an die KapitĂ€ne ihrer ersten Weltumsegler hoch in Ehren halten. Die KapitĂ€ne Juan SebastiĂĄn Elcano fĂŒr Spanien, Francis Drake fĂŒr England, Olivier van Noort fĂŒr Holland, Louis Antoine de Bougainville fĂŒr Frankreich, Robert Gray fĂŒr Amerika, Adam Johann von Krusenstern fĂŒr Russland und Steen Andersen Bille fĂŒr DĂ€nemark sind Teil des kollektiven GedĂ€chtnisses ihrer Nationen geworden, nicht so Johann Andreas Harmssen.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Heinrich Berghaus: Sechs Reisen um die Erde der königlichen preuĂischen Seehandlungs-Schiffe Mentor und Prinzess Louise innerhalb der Jahre 1822â1842. Verlag von Grass, Barth &. Comp., Breslau 1842
- Percy Ernst Schramm: SĂŒdamerika nach der Befreiung, geschildert von einem deutschen Kaufmann (Wilhelm Oswald), In: Jahrbuch fĂŒr Geschichte, Staat, Wirtschaft und Gesellschaft Lateinamerikas, 5 (1968), S. 202â234
- Heinz Burmester: Weltumseglung unter PreuĂens Flagge. Die Königlich PreuĂische Seehandlung und ihre Schiffe, Ernst Kabel Verlag, Hamburg 1988, ISBN 978-3-8225-0062-0
- Peter-Michael Pawlik: Von der Weser in die Welt. Schriften des Deutschen Schiffahrtmuseums, Band 33, Ernst Kabel Verlag, Hamburg 1993, ISBN 3-8225-0256-1, S. 116, S. 122 f. u. S. 186
- Michael Stoffregen-BĂŒller: Der Sandwich-Insulaner. Von Polynesien auf PreuĂens Pfaueninsel. Henrik BĂ€Ăler Verlag, Berlin 2019, ISBN 978-3-945880-38-8
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Genealogische Daten zu Johann Andreas Harmsen von der Gesellschaft fĂŒr Familienforschung e. V. Bremen verfĂŒgbar gestellt beim Verein fĂŒr Computergenealogie e. V.
- â Genealogische Daten zu Harmssens Schwester, die Johann Wilhelm Wendts Mutter war, von der Gesellschaft fĂŒr Familienforschung e. V. Bremen verfĂŒgbar gestellt beim Verein fĂŒr Computergenealogie e. V.
- â Michael Stoffregen-BĂŒller: Der Sandwich-Insulaner. Von Polynesien auf PreuĂens Pfaueninsel. Henrik BĂ€Ăler Verlag, Berlin 2019, S. 16
- â Oesterreichischer Beobachter, 23. Oktober 1824
- â Zeitung fĂŒr die elegante Welt, 3. Februar 1825
- â Schiffsjournal des Capitain Harmssen, gehalten an Bord des Schiffes âMentorâ auf der Reise von Bremen nach Canton und zurĂŒck nach SwinemĂŒnde, 1822 â 1824
- â Peter-Michael Pawlik: Von der Weser in die Welt. Ernst Kabel Verlag, Hamburg 1993, S. 186
- â Theodor Fontane: Meine Kinderjahre. Autobiografischer Roman. Gröls Verlag, Hamburg 2019, ISBN 978-3-96637-195-7, S. 43
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Harmssen, Johann Andreas |
| ALTERNATIVNAMEN | Harmsen, Johann Andreas; HarmĂen, Johann Andreas; Harmssen |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher KapitÀn, Weltumsegler |
| GEBURTSDATUM | 22. Mai 1782 |
| GEBURTSORT | Bremen |
| STERBEDATUM | 29. Januar 1861 |
| STERBEORT | Bremen |