Keleli
Keleli, auch kÇlÇli, kelleli, kalali, ist eine zweisaitige, selten dreisaitige gezupfte BinnenspieĂlaute der Teda im Norden des Tschad. Die Teda sind zusammen mit den Daza unter der Fremdbezeichnung Tubu bekannt. Die aus einem meist mit Kamelhaut bespannten emaillierten Blechtopf als Resonanzkörper bestehende keleli und die ebensolche einsaitige Fiedel kiiki sind die hauptsĂ€chlichen traditionellen Musikinstrumente der jungen MĂ€nner, die zu ihrer Unterhaltung einfache Tonfolgen spielen. Musikalisch unterscheidet sich die keleli von den anderen in West- und Nordafrika weit verbreiteten BinnenspieĂlauten dadurch, dass sie traditionell nur von Amateurmusikern, ausschlieĂlich instrumental und nicht zur Gesangsbegleitung verwendet wird.
Herkunft und Verbreitung
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Langhalslauten, genauer Stiellauten mit langem Hals, sind Ă€lter als Kurzhalslauten und haben ihren Ursprung mutmaĂlich in Westasien. Von dort gelangten sie mit den Hyksos (17./16. Jahrhundert v. Chr.) nach Ăgypten.[1] Im Neuen Reich (1550 bis 1070 v. Chr.) wurden Langhalslauten hĂ€ufig bei Bankettszenen und rituellen Prozessionen abgebildet. Diese gehörten typologisch wohl wie viele heutige afrikanische Lauten zu den SpieĂlauten, bei denen ein schlanker Hals mit seiner Fortsetzung durch den Resonanzkörper hindurch gesteckt ist oder ĂŒber den Rand hinwegfĂŒhrt. Im Alten Ăgypten waren auch die beiden heute in Westafrika vorkommenden Korpusformen der SpieĂlauten langoval (aus Holz geschnitzt) und kreisrund (damals meist aus einem Schildkrötenpanzer bestehend) vertreten. Der runde Halsstab diente zugleich als Griffbrett, das auf einigen altĂ€gyptischen Darstellungen BĂŒnde besitzt.[2] Die wenigen erhaltenen altĂ€gyptischen Lauten lassen hingegen keine BĂŒnde erkennen, sie zeigen aber, dass die Saiten am oberen Ende nicht an Wirbeln, sondern an Schnurwicklungen direkt am Halsstab festgebunden waren, wie es bis heute bei der keleli und anderen afrikanischen SpieĂlauten praktiziert wird. Die nach der Zeitenwende, in der koptischen Zeit gebauten Halslauten, bei denen Korpus und Hals aus einem Block geschnitzt sind, besitzen Wirbel.[3]
Manche altĂ€gyptische Langhalslauten könnten auch zum Typus der BinnenspieĂlauten gehört haben, bei denen der Halsstab lediglich in den Resonanzkörper eingesteckt ist und kurz vor der gegenĂŒberliegenden Seite endet.[4] Diese Form wird bei der Beschreibung von zwei in Teilen erhaltenen SchalenspieĂlauten mit einem birnenförmigen Korpus aus der pharaonischen SpĂ€tzeit (um 700 v. Chr.) diskutiert. Die Instrumente mit ihren durch Querhölzer gestĂŒtzt auf dem Schalenrand liegenden Stielen können je nach deren Positionierung â indem sie ein wenig nach unten oder oben geschoben werden â als SpieĂlaute oder BinnenspieĂlaute rekonstruiert werden, wobei Ricardo Eichmann (1987) sich fĂŒr letzteres ausspricht und eine Verbindung zur heutigen marokkanischen BinnenspieĂlaute gimbri (gunbrÄ«) fĂŒr möglich hĂ€lt. Somit verweisen diese beiden Lautenfunde auf den Beginn zweier Lautentypen, die in ganz Nordafrika und am SĂŒdrand der Sahara von der WestkĂŒste bis nach Ostafrika verbreitet sind.[5]
Henry George Farmer (1928) erkennt bereits den altĂ€gyptischen Ursprung fĂŒr die zwar nicht in der klassischen arabischen Musik, aber dafĂŒr in der Volksmusik ganz Nordafrikas verbreiteten âprimitiven Lautenâ, die er unter dem Wortumfeld von gunbrÄ« zusammenfasst. Unter diesem Namen beschreibt er die unterschiedlichen SpieĂlauten und BinnenspieĂlauten als eine Instrumentengruppe, die nach seiner Ansicht bereits vorhanden war, als die Araber um 700 den Maghreb eroberten. Gimbri (oder gunbrÄ«) ist fĂŒr BinnenspieĂlauten in den LĂ€ndern des Maghreb gebrĂ€uchlich, der Typus ist darĂŒber hinaus in der westafrikanischen Sahara und Savannenregion weit verbreitet. Hierzu gehört etwa die tidinit in Mauretanien, die xalam der Wolof im Senegal, die tahardent der Tuareg und die garaya der Hausa in Nigeria. Alle afrikanischen BinnenspieĂlauten sind Zupfinstrumente, wĂ€hrend SpieĂlauten gezupft oder mit einem Bogen gestrichen werden.[6]
Auf welcher Route die SpieĂlauten/BinnenspieĂlauten von Ăgypten nach Westafrika und in den Maghreb gelangten, lĂ€sst sich nur vermuten. Wahrscheinlich breiteten sie sich nicht auf dem direkten Weg entlang der nordafrikanischen KĂŒste aus, sondern wurden zunĂ€chst den Nil aufwĂ€rts nach Nubien und weiter auf einer sĂŒdlichen Route nach Westafrika gebracht. Laut mĂŒndlicher Ăberlieferung der Soninke soll es SpieĂlauten im mittelalterlichen Reich von Ghana, das ab dem 11. Jahrhundert allmĂ€hlich zerfiel, gegeben haben.
Erstmals schriftlich belegt ist die BinnenspieĂlaute mit dem Namen qanÄbir (Plural von qunbarÄ, entsprechend Singular gunbrÄ«, Plural ganÄbir) bei Ibn Battuta (1304â1377) im Malireich, das er 1352 bereiste. Ibn Battuta zufolge bestand die in der höfischen Musik des Sultans von Mali eingesetzte Laute aus Gold und Silber. Eine Etymologie, die Farmer erwĂ€hnt, wird als ein Beleg fĂŒr die Ausbreitung der BinnenspieĂlaute von Westafrika durch die Sahara nach Marokko herangezogen. Demnach lĂ€sst sich der von den Berbern im Maghreb verwendete Name gunbrÄ« fĂŒr eine meist dreisaitige Laute mit einem kastenförmigen Korpus auf gunÄwÄ« oder ginÄ«ÄwÄ«, âvon den Schwarzenâ, herleiten. TatsĂ€chlich wird die gunbrÄ« (gimbri) in Marokko bevorzugt von den Gnawa mit schwarzafrikanischer Herkunft gespielt.[7] Eine kleinere Version der Laute mit einem ungefĂ€hr birnenförmigen Korpus und meist zwei Saiten ist die von Arabern und Berbern in Marokko gespielte gunibri,[8] die im Unterschied zur gimbri hölzerne Stimmwirbel besitzt und damit dem orientalischen Lautentyp tanbur nĂ€her ist.
Dass der einfachere Typ der BinnenspieĂlaute mit am Hals angebundenen Saiten aus dem SĂŒden der Sahara in den Maghreb gelangte, wird ferner dadurch plausibel, dass die gimbri in Marokko weit hĂ€ufiger vorkommt als in Algerien und Tunesien und nach Auffassung von Algeriern aus dem Westen (Marokko) eingefĂŒhrt wurde. AuĂerdem ist dieser Lautentyp mit einem trogförmigen, aus einem Holzblock geschnitzten Korpus an der ĂŒbrigen nordafrikanischen KĂŒste bis in die heutige Zeit unbekannt.[9]

Aus diesem Grund und weil der gimbri-Typ stattdessen in Westafrika weit verbreitet ist, vertritt Roger Blench (1984) andersherum die Meinung, dieser könnte von Westafrika aus ins Alte Ăgypten gelangt sein. SpĂ€ter sei die PopularitĂ€t der gimbri-Lauten an der afrikanischen NordkĂŒste und im Alten Ăgypten zurĂŒckgegangen und deshalb seien diese heute nur noch sĂŒdlich der Sahara in Westafrika anzutreffen. Blench unterscheidet hierbei den trogförmigen gimbri-Typ von den mit den Hyksos ins Alte Ăgypten gelangten SpieĂlauten mit einem runden (schalenförmigen) oder birnenförmigen Resonanzkörper, letztere könnten somit die direkten VorlĂ€ufer der gunibri gewesen sein.[10]
Westafrikanische SpieĂlauten lassen sich nach drei Kriterien unterscheiden:
- Nach ihrer Korpusform: rechteckig oder birnenförmig aus einem Holzblock geschnitzt gegenĂŒber kreisrund aus einer Kalebassenhalbschale oder wie bei der keleli aus einem Blechtopf,
- nach der unteren Saitenbefestigung: als SpieĂlaute oder BinnenspieĂlaute und
- nach der sozialen Schicht: entweder von meist muslimischen Berufsmusikern und PreisliedsÀngern (allgemein Griot) oder ohne EinschrÀnkung von jedem Musiker gespielt. Einen PreisliedsÀnger mit Laute sah Ibn Battuta 1352 in Begleitung des Herrschers von Mali.[11]
Das soziale Kriterium und die Formkriterien hĂ€ngen in einem hohen MaĂ miteinander zusammen, denn die BinnenspieĂlauten mit einem fĂ€cherförmig ausgebildetem Steg und einem trogförmigen Korpus aus einer Holzschale (traditionelle Form der ngoni) werden fast nur von muslimischen Berufsmusikern aus Musikerkasten gespielt, weshalb AuĂenstehende auch die allgemeine Bezeichnung âGriot-Lauteâ verwenden. Keine âGriot-Lautenâ sind etwa die BinnenspieĂlaute molo der Hausa mit einem ovalen trogförmigen Korpus, aber einem zylindrischen Steg auf der Hautdecke, die kwamsa im nigerianischen Bundesstaat Sokoto mit einem kreisrunden Korpus aus einer Kalebasse und einem zylindrischen Steg, und die keleli mit ihrem kreisrunden Korpus meist aus Metall.[12]
Bauform
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Die keleli gehört instrumentenkundlich zu den BinnenspieĂlauten (englisch half-spiked lute oder internal spike lute), eine Kategorie, die in der ursprĂŒnglichen Hornbostel-Sachs-Systematik von 1914 fehlt und die erst spĂ€ter zu den SpieĂlauten (321.31) und Halslauten (321.32) als Gruppe (321.33) ergĂ€nzt wurde.[13] Anders als es die Bezeichnung vermuten lĂ€sst und es beim durch den Korpus gesteckten Halsstab der SpieĂlauten der Fall ist, fĂŒhrt der SaitentrĂ€ger nicht durch eine Bohrung in den Korpus hinein, sondern liegt lediglich am oberen Korpusrand auf und verlĂ€uft unter der Hautdecke bis kurz vor den unteren Rand.[14]
Ihre Instrumente stellen die Musiker der Teda ĂŒblicherweise selbst her. Der kreisrunde Korpus besteht meist aus einer emaillierten BlechschĂŒssel, frĂŒher auch aus einer Kalebassenhalbschale oder aus einer Holzschale, wie Charles Le CĆur in den 1930er Jahren beobachtete.[15] Die frĂŒher als KĂŒchengeschirr verwendeten Holzschalen (vgl. die mauretanische SpeiseschĂŒssel gdah) wurden ĂŒberall durch BlechschĂŒsseln ersetzt. Ihr Durchmesser betrĂ€gt etwa 20 bis höchstens 25 Zentimeter.
Der SaitentrĂ€ger besteht aus der verholzten Blattrippe einer Dattelpalme, die einen flachen ovalen Querschnitt hat, ersatzweise aus einer Akazienwurzel. Als Decke dient meist eine Kamelhaut (ersatzweise eine Ziegen-, Gazellen- oder Rindshaut), die in frischem weichem Zustand ĂŒber die Ăffnung der Schale gelegt und mit etwa 3 Zentimetern Ăberstand mit einem Messer ausgeschnitten wird. Aus der ĂŒbrigen Kamelhaut ausgeschnittene schmale Streifen werden spiralförmig zu einem Ring gewickelt, der um den Topfboden gelegt als Widerlager dient, um die Membranhaut zu verspannen. Dies geschieht mit weiteren Hautstreifen, die X-förmig zwischen Einschnitten am Rand der Membranhaut und dem Hautring hindurchgezogen und mehrfach durch Verknotungen untereinander gestrafft werden. Als NĂ€chstes wird an drei Seiten ein rechteckiges Loch von etwa 3 Ă 5 Zentimetern am Rand der Decke eingeschnitten und das ausgelöste HautstĂŒck zur Mitte umgeklappt. Hier endet der 50 bis 60 Zentimeter lange SaitentrĂ€ger, der durch einen Schlitz am gegenĂŒberliegenden Rand unter der Decke durchgeschoben wurde. Ein kleiner Rundstab (Zweig), der als Steg dient, wird am Rand des Lochs durch das um ihn gerollte HautstĂŒck in seiner Position fixiert. Ein unter dem zugespitzten Ende des SaitentrĂ€gers durchgeschobenes Holz sichert die Konstruktion provisorisch, bis die Hautdecke nach einigen Tagen an der Sonne getrocknet ist. Dann ist sie straff und fest. Haarreste werden mit dem Messer abgeschabt.[16]
Die danach aufgezogenen Saiten sichern die Lage des SaitentrĂ€gers. Sie werden an dessen spitzem Fortsatz unter der Decke festgebunden und verlaufen ĂŒber den flachen Steg bis zu Wicklungen von dĂŒnnen Tiersehnen (Ziege oder Gazelle) am oberen Ende. Die Anbindung der Saiten durch Sehnen oder Hautstreifen ist die gegenĂŒber der Befestigung an Wirbeln Ă€ltere Methode, die seit altĂ€gyptischer Zeit gebrĂ€uchlich ist. Sie ist auch bei anderen BinnenspieĂlauten in der Sahelzone, etwa der garaya, der tidinit und bei gestrichenen SpieĂlauten wie der imzad ĂŒblich, wĂ€hrend die nordafrikanischen Lauten (gimbri) Wirbel besitzen.
Der SaitentrĂ€ger ist nur an einer Stelle, am oberen Rand, mit dem Resonanzkörper in Kontakt. Seine Lage ist durch die die Fixierung am Steg ĂŒber die Membran stabil. Der Durchmesser des Stegs und die GröĂe der Ăffnung in der Membran tragen wesentlich zur Klangcharakteristik bei. Einen mit Membranhaut umwickelten Holzstab als Steg besitzen unter anderem auch die molo oder garaya der Hausa in Nigeria, die BinnenspieĂlauten der Yoruba und Berom in Nigeria sowie die mauretanische tidinit.[17]
Ăblich sind heute zwei Saiten aus Nylon anstelle der frĂŒher verwendeten Sehnen einer Ziege oder Gazelle. Etwa in der Mitte des SaitentrĂ€gers befestigen die Tebu, falls sie fĂŒr eine Melodie benötigt wird, an einer Wicklung eine abnehmbare dritte Saite. Die ansonsten gleiche chegeni (cegeni) der mit den Tebu verwandten Daza (Dazaga-Sprecher) hat drei Saiten. Bei den ebenfalls Dazaga sprechenden Kreda heiĂt diese Laute tullo, denn als chegeni bezeichnen die Kreda ihre Fiedel.[18] Die wesentlich kĂŒrzere dritte Saite bei den Daza wird beim Spiel zwischendurch unverkĂŒrzt als Bordun gezupft. Die beiden Saiten sind im Abstand einer Terz gestimmt, die dritte Saite â falls vorhanden â erklingt eine Oktave ĂŒber der tiefsten Saite. FĂŒr sie wird die französische Bezeichnung chanterelle verwendet, die Tedu nennen den von ihr hervorgebrachten hohen Ton ting. Die östlich des Tschadsees lebenden Kanembu verwenden eine zweisaitige Laute. Zum Stimmen verschiebt der Musiker die Sehnenwicklungen am Hals. Da die Saitenspannung allmĂ€hlich nachlĂ€sst, muss der Musiker sein Spiel in gewissen AbstĂ€nden unterbrechen und nachstimmen. Der durch den Wuchs des Palmblattes leicht gebogene SaitentrĂ€ger dient als Griffbrett.
Die Herstellung der einsaitigen Fiedel kiiki geschieht Ă€hnlich. Auch ihre Decke besteht aus einer rohen Haut, die zunĂ€chst nur grob mit dem Messer geschabt wurde. Im Unterschied zur Zupflaute fĂŒhrt die Saite der Fiedel von der Spitze des SaitentrĂ€gers ĂŒber einen im oberen Bereich auf der Decke aufgestellten V-förmigen Steg, der aus der Gabelung eines Zweiges besteht.
Spielweise
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Die in der Bergregion Tibesti lebenden Teda (Eigenbezeichnung der dortigen Tubu) sind halbnomadische Viehhirten und Muslime. Sie sprechen mit Tedaga eine saharanische Sprache, wodurch sie sich sprachlich von der Tuareg, Berbern und Arabern der Region unterscheiden und als die âschwarzen Nomaden der Saharaâ gelten. Ihre Gesellschaft ist zum einen in mehrere Clans und zum anderen in die Mehrheit der Teda, ehemalige Gefangene und in die Gruppe der allgemein randstĂ€ndigen Schmiede (Tedaga aze, Plural aza)[19] unterteilt. Hiermit und mit einem strikten VerstĂ€ndnis von Geschlechterrollen sind einige gesellschaftliche Tabus verbunden, zu denen auch strikte Regeln fĂŒr die Musizierpraxis gehören. FĂŒr MĂ€nner kreist die Musik um die Saiteninstrumente keleli und kiiki, wĂ€hrend junge Frauen im Chor singen und tanzen. Frauen dĂŒrfen dazu mit den HĂ€nden klatschen, aber keine Musikinstrumente spielen. MĂ€nner singen höchstens, wenn sie in kleinen Gruppen unter sich sind. In der Ăffentlichkeit vor Frauen zu singen, wĂ€re fĂŒr einen Mann unangebracht.[20]
Die keleli wird von Jungen nach der Beschneidung und von erwachsenen MĂ€nnern bis ins mittlere Alter, von Ă€lteren MĂ€nnern jedoch nicht gespielt. Die Beschneidung markiert einen gesellschaftlichen Ăbergang, zu dem beispielsweise auch gehört, dass die zum ViehhĂŒten angestellten Jungen Vögel jagen und essen dĂŒrfen, wĂ€hrend Erwachsenen der Verzehr von Vögeln und anderen kleinen Tieren verboten ist. Die Jungen locken die Vögel mit besonderen Vogelfangliedern an, die Erwachsene nicht singen.[21] Eine keleli wird nicht herumgereicht, sie ist das persönliche Musikinstrument desjenigen, der es hergestellt hat und der es spielt. Die Laute wird auch nicht verkauft, höchstens gelegentlich als Geschenk weitergegeben.
Der im Schneidersitz sitzende oder in einer bequemen halb-liegenden Position auf einen Ellbogen gestĂŒtzte junge Musiker hĂ€lt die keleli ungefĂ€hr waagrecht vor sich mit dem Resonanzkörper auf den Boden oder seinen FuĂ gelegt. Mit der linken Hand verkĂŒrzt er die Saiten am Hals und zupft sie mit den Fingern der rechten Hand ohne Plektrum. Die keleli wird meist solistisch gespielt, manchmal summt der Musiker einen leisen Bordunton, zischt einen kurzen Laut (âdschakâ) oder flĂŒstert einen Text dazu. Als rhythmische ErgĂ€nzung kann ein zweiter Musiker mit den HĂ€nden eine umgedrehte BlechschĂŒssel schlagen.[22] Eine vergleichbare Kombination ist das Zusammenspiel der dreisaitigen BinnenspieĂlaute moolooru und der perkussiv verwendeten Kalebassenhalbschale tummude bei den Fulbe im Niger,[23] das Fritz Bauer als Leiter der Niger-Benue-Tschadsee-Expedition 1902/03 in einem Bild dokumentierte.[24]
Die Jugendlichen erlernen durch Zuhören und Nachahmen ein bestimmtes Repertoire, das aus einfachen, sich wiederholenden Melodiefolgen besteht, die um wenige Töne kreisen. Die meisten Lieder werden auf der zweisaitigen und nur wenige, die fĂŒr die Daza typisch sind, auf der mit drei Saiten bezogenen Laute gespielt.[25] In den 1960er Jahren wurde ein Bestand von lediglich 14 Liedern bei den Teda erfasst, wĂ€hrend fĂŒr die Daza keine Untersuchung vorliegt.[26]
Eingesetzt wird die keleli traditionell im Zeltlager und drauĂen beim ViehhĂŒten auf der Weide, tagsĂŒber und vor allem abends. Die keleli ist fĂŒr den Spieler ein Mittel, um seine GefĂŒhle auszudrĂŒcken. Die musikalischen Phrasen werden wie ein sprachlicher Ausdruck aufgefasst, der etwa die Schönheit eines MĂ€dchens beschreibt. Die musikalische Bedeutung bleibt jedoch stets diskret und in der NĂ€he anwesende Frauen haben sich eine âHaltung des absichtsvollen Unaufmerksamseinsâ angewöhnt.[27]
Neben den Saiteninstrumenten spielen die MĂ€nner drei verschiedene zweifellige Röhrentrommeln aus Holz. Die teilweise als Zeremonialobjekt verwendete groĂe nangara (namentlich von arabisch naqqÄra abgeleitet)[28] und die kleinere kwelli dĂŒrfen von allen erwachsenen MĂ€nnern gespielt werden. AusschlieĂlich Schmiede schlagen die kleine leichte kidi wĂ€hrend sie tanzen. HauptsĂ€chlich die Schmiede blasen das Einfachrohrblattinstrument bihil, wie ĂŒberhaupt die meisten musikalischen AktivitĂ€ten zu den Aufgaben der Schmiede gehören.[29] Allein Schmieden ist es in jedem Lebensalter gestattet, öffentlich zu singen, wobei sie sich mit der kidi begleiten. Schmiede haben bei Hochzeiten und anderen Festen die Aufgabe von BerufssĂ€ngern (Griots).[30]
Einen die Musik betreffenden gesellschaftlichen Wandel brachte die EinfĂŒhrung von Musikkassetten ab den 1970er Jahren. Durch die Weitergabe von Kassetten wurden manche bislang nur in kleinen Kreisen geschĂ€tzte Lautenspieler weithin bekannt. Dennoch blieb es undenkbar, dass diese Musiker öffentliche Konzerte vor einem gröĂeren Publikum geben. Der BĂŒrgerkrieg zwischen der Rebellengruppe FROLINAT und dem tschadischen PrĂ€sidenten François Tombalbaye zwang viele junge Teda in den 1970er Jahren zur Flucht in die StĂ€dte. Zur Pflege ihrer heimatlichen Kultur trafen sie sich dort in Jeunesse du B.E.T genannten Jugendzentren, die Ă€hnlich wie die ZusammenkĂŒnfte in den Zeltlagern als BegegnungsstĂ€tte dienten.[31]
Das instrumentale Spiel der keleli ist einzigartig im Verbreitungsgebiet der BinnenspieĂlauten. Die Vorstellung, dass die keleli âsprichtâ, gilt analog auch fĂŒr die Fiedel kiiki der Teda und dies verbindet sie mit einigen anderen afrikanischen Musikinstrumenten, etwa der Flöte oja in Nigeria. Die keleli und ihre Musik sind fĂŒr die Tebu das wesentliche Merkmal ihrer kulturellen IdentitĂ€t.[32]
Neben den traditionellen Musikstilen hat sich eine moderne Musik entwickelt, in der die bisherigen kulturellen Schranken aufgehoben sind, indem Unvereinbarkeiten wie das Lautenspiel, ein Gesang von MÀnnern und die schrillen Freudenrufe der Frauen zusammenkommen. Diese stÀdtische Musik der Jugend, die in den Jugendzentren gespielt wird, enthÀlt noch typische Melodiefolgen der Tebu.[33]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Catherine Baroin: Le luth chez les Toubou. Approche comparative et Ă©volution. In: Journal des Africanistes, Band 76, Nr. 1, 2006, S. 59â80
- Monique Brandily: Instruments de musique et musiciens instrumentistes chez les Teda du Tibesti. MusĂ©e royal de lâAfrique centrale,Tervuren 1974
- Monique Brandily: Keleli. In: Grove Music Online, 11. Februar 2013
- Eric Charry: Plucked Lutes in West Africa: an Historical Overview. In: The Galpin Society Journal. Band 49, MĂ€rz 1996, S. 3â37
- Ulrich Wegner: Afrikanische Saiteninstrumente. (Veröffentlichungen des Museums fĂŒr Völkerkunde Berlin, Neue Folge 41) Staatliche Museen PreuĂischer Kulturbesitz, Berlin 1984
Diskografie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Tchad: Musique Du Tibesti. Feldaufnahmen von Monique Brandily bei den Teda im Tibesti 1965, 1969, 1974 und 1979. Collection du Centre national de la recherche scientifique et du MusĂ©e de lâhomme. CD von Le Chant du Monde, 1990, Titel 10, 11, 13
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Luth et la viĂšle des Teda du Tibesti (Le). Dokumentarfilm von Monique Brandily ĂŒber die Herstellung einer keleli und einer kiiki bei den Teda im Tibesti, 1978
- Luth keleli avec voix d'homme murmurĂ©e 001_13. Tonaufnahme von Monique Brandily, 1965â1979. Centre de Recherche en Ethnomusicologie. Zweisaitige keleli teilweise mit FlĂŒsterstimme. Lied rĂŒhmt eine Frau. Weitere StĂŒcke ohne Stimme: 001_10 und 001_11.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Harvey Turnbull: The Origin of the Long-Necked Lute. In: The Galpin Society Journal, Band 25, Juli 1972, S. 58â66, hier S. 63
- â Hans Hickmann: Musikgeschichte in Bildern. Band 2: Musik des Altertums. Lieferung 1: Ăgypten. Deutscher Verlag fĂŒr Musik, Leipzig 1961, S. 68
- â Ricardo Eichmann: Extant lutes from the New Kingdom and the Coptic Period of Ancient Egypt. In: Iconea, 2011, S. 25â37, hier S. 27
- â Erich Moritz von Hornbostel: The Ethnology of African Sound-Instruments (Continued). In: Africa: Journal of the International African Institute, Band 6, Nr. 3, Juli 1933, S. 277â311, hier S. 292: nennt als Verbreitungsregionen fĂŒr die BinnenspieĂlauten Nordwestafrika und Altes Ăgypten.
- â Ricardo Eichmann: Zwei Schalen-SpieĂlauten aus einer spĂ€tzeitlichen Nekropole bei Abusir el-Meleq. In: Jahrbuch der Berliner Museen, Band 29/30, 1987/1988, S. 7â36, hier S. 35
- â Ulrich Wegner, 1984, S. 114, 138
- â Henry George Farmer: A North African Folk Instrument. In: Journal of the Royal Asiatic Society of Great Britain and Ireland, Nr. 1, Januar 1928, S. 24â34, hier S. 27
- â Gunibri from Morocco. Powerhouse Collection
- â Philip Schuyler: A Repertory of Ideas: The Music of the Rwais, Berber Professional Musicians from Southwestern Morocco. (Dissertation) University of Washington, 1979, S. 124, 127; zit. nach: Eric Charry, 1996, S. 4
- â Roger Blench: The Morphology and Distribution of Sub-Saharan Musical Instruments of North-African, Middle Eastern, and Asian, Origin. In: Laurence Picken (Hrsg.): Musica Asiatica. Band 4, Cambridge University Press, Cambridge 1984, S. 177â180, hier S. 170
- â Michael T. Coolen: The Wolof Xalam Tradition of the Senegambia. In: Ethnomusicology, Band. 27, Nr. 3, September 1983, S. 477â498, hier S. 479
- â Eric Charry, 1996, S. 5f
- â Klaus Wachsmann: Lute. In: New Grove Dictionary of Musical Instruments, Band 2, 1984, S. 551, ĂŒbernommen in: Lute. 1. The generic term. In: Grove Music Online, 2001, bezeichnet die BinnenspieĂlauten als tanged lutes. Zuvor als tanged lutes beschrieben von Erich Moritz von Hornbostel: The Ethnology of African Sound-Instruments (Continued). In: Africa: Journal of the International African Institute, Band 6, Nr. 3, Juli 1933, S. 277â311, hier S. 300
- â Eric Charry, 1996, S. 7
- â Charles Le CĆur: Mission au Tibesti: carnets de route, 1933â1934. Hrsg. von Marguerite Le Caur. Ăditions du Centre National de la Recherche Scientifique, Paris 1969
- â Luth et la viĂšle des Teda du Tibesti (Le). Dokumentarfilm von Monique Brandily, 1978
- â Ulrich Wegner, 1984, S. 136â138
- â Catherine Baroin, 2006, S. 62f
- â Gustav Nachtigal: Sahara und Sudan. Ergebnisse sechsjĂ€hriger Reisen in Afrika. Erster Teil. Weidmannsche Buchhandlung, Berlin 1879, S. 443
- â Vanni Beltrami, Harry Proto: The Tubus of Central-Eastern Sahara. In: Africa: Rivista trimestrale di studi e documentazione dellâIstituto italiano per lâAfrica e lâOriente, Band 60, Nr. 2, Juni 2005, S. 221â259, hier S. 241
- â Monique Brandily: Songs to Birds among the Teda of Chad. In: Ethnomusicology, Band 26, Nr. 3, September 1982, S. 371â390, hier S. 371f
- â Dokumentarfilm von Monique Brandily, 1978, Minute 20:50 bis 21:40
- â Veit Erlmann: Notes on Musical Instruments among the Fulani of Diamare (North Cameroon). In: African Music, Band 6, Nr. 3, 1983, S. 16â41, hier S. 28
- â Fritz Bauer: Die deutsche Niger-Benue-Tsadsee-Expedition 1902â1903. Reimer, Berlin 1904, S. 71
- â Keleli. Königliches Museum fĂŒr Zentral-Afrika, Tervuren
- â Catherine Baroin, 2006, S. 75
- â Monique Brandily, 1974, S. 198; zit. nach Catherine Baroin, 2006, S. 71
- â Catherine Baroin, 2006, S. 70
- â Vanni Beltrami, Harry Proto, 2005, S. 245; Monique Brandily: Chad. 1. The north. In: Grove Music Online, 2001
- â Catherine Baroin, 2006, S. 69
- â Catherine Baroin, 2006, S. 72
- â Catherine Baroin, 2006, S. 74
- â Catherine Baroin, 2006, S. 76