Qivittoq
Der Qivittoq (Plural Qivittut) ist das grÜnländische Konzept des Eremiten. Er hat sich im Laufe der Jahrhunderte vom Gesellschaftsphänomen zum halbmythologischen Wesen hin zum Protagonisten von Gruselgeschichten gewandelt, in denen der Qivittoq eine Art Dämon darstellt.
Etymologie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Wort qivittoq (nach alter Rechtschreibung ĸivĂtoĸ) ist das Partizip Aktiv bzw. Nomen Agentis des Verbs qivippoq (ĸivĂpoĸ). Es heiĂt, dass das Wort bei anderen InuitvĂślkern unbekannt ist,[1] was nur insofern richtig ist, als die spezifische Bedeutung âein Qivittoq werdenâ nur in WestgrĂśnland genutzt wird, aber nicht in anderen Teilen der Arktis, nicht einmal in Nord- oder OstgrĂśnland.[2] Das Verb hat Kognaten in sämtlichen Eskimosprachen, wobei die Bedeutung hier meist âwĂźtend davongehenâ ist, weswegen Michael Fortescue et al. diese Bedeutung als die ursprĂźngliche rekonstruieren. MĂśglicherweise besteht eine Verbindung zum Verb qipaktoq âwĂźtend seinâ, das auf Inuktun noch existiert.[3] Robert Petersen ging hingegen von einer Verbindung zum Verbalstamm qiviar- âden Kopf drehen, sich etwas zuwenden, jemanden anguckenâ aus, der mit dem Derivationsmorphem IT negiert wurde, um die Bedeutung âsich abwendenâ zu erhalten.[4] Dies ist aus morphologischen GrĂźnden jedoch unwahrscheinlich.
Es ist davon auszugehen, dass die ursprĂźngliche Bedeutung der Wut sich Ăźber Flucht aus Wut im WestgrĂśnländischen zum Konzept der sozialen Selbstausgrenzung gewandelt hat. Das Konzept ist unter einer anderen Bezeichnung hingegen auch in Alaska bekannt, wobei hier der mythologische Aspekt fehlt. Ein ähnliches, nicht mythologisches Konzept ist in GrĂśnland unter dem Begriff inuillisimaneq bekannt, wĂśrtlich âdas Menschenlos-geworden-Seinâ, fĂźr ein selbständig entschiedenes, leidenschaftsloses Aufsuchen der Einsamkeit in der Natur, um Frieden mit sich selbst zu finden, wobei der Begriff heutzutage kaum noch bekannt ist, da er vom Qivinneq (Gerundium des Verbs: âdas Qivittoq-Werdenâ) nahezu vollständig verdrängt worden ist.[5.1]
Ursachen des Qivinneq
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ein Qivittoq hat sich freiwillig von der Gesellschaft ausgeschlossen und lebt stattdessen alleine in HĂśhlen in den Bergen. Die Ursache fĂźr diese Entscheidung war Ăźblicherweise Enttäuschung oder Ărger Ăźber die Mitmenschen, meistens wegen nicht erwiderter Liebe, was auch der Grund dafĂźr ist, dass die meisten Qivittut Männer sind, auch wenn es Berichte von weiblichen Qivittut gibt. Der Ort Kangerluk lag um 1800 noch an einer Stelle namens Qivittut, da man sich erzählte, dass dort eine Witwe als Qivittoq lebte, die der Hexerei beschuldigt worden und deswegen aus Angst umgebracht zu werden mit ihren Kindern geflĂźchtet war. Andere Frauen konnten Qivittut werden, weil sie misshandelt oder unerwĂźnscht schwanger geworden waren. Umgekehrt konnte ein Paar gemeinsam in die Berge wandern, wenn die Gesellschaft ihre Liebe nicht akzeptieren wollte. Ein anderer Grund kann sein, dass sich die Person selbst von der Gesellschaft ausgeschlossen fĂźhlte, einhergehend mit einer Form des Mobbings.[6.1]
Der reale Qivittoq
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die grĂśnländischen Verhältnisse machen ein alleiniges Ăberleben in der Natur beinahe unmĂśglich, da die Inuit traditionell stark von ihren Mitmenschen abhängig waren. Wer sich absonderte, starb deswegen Ăźblicherweise kurz darauf den Hunger- oder Kältetod. Es sind jedoch einige Fälle bekannt, wo Qivittut längere Zeit Ăźberlebt haben. Qivittut lebten von Pflanzen und Wurzeln, gefangenem Fisch, VĂśgeln, Hasen und Rentieren, wobei traditionell alles mit bloĂen Händen oder Pfeil und Bogen gejagt werden musste. Teilweise kehrten Qivittut heimlich nach Hause zurĂźck, um Vorräte zu stehlen, um zu Ăźberleben. Vor allem Frauen starben schnell, da sie in der Gesellschaft keine Jäger waren, sondern die häuslichen Pflichten erledigten.[6.2]
Archäologische Spuren zeigen, dass Qivittut zumindest frßher wirklich existierten, da man alleine im Distrikt Uummannaq 15 ehemals bewohnte HÜhlen fand. Bei Akulliit wurde eine HÜhle mit einer Feuerstelle, Vorräten und einem Bett aus Moos gefunden und daneben eine kleinere von innen mit einem Stein verschlossene HÜhle mit der Leiche des Qivittoqs. Er hatte sich selbst begraben und noch einige Zeit von seinen Vorräten gelebt, bevor er an anderer Ursache gestorben war. Eine andere HÜhle bei Saqqaq enthielt US-amerikanische Tabakdosen, die davon zeugen, dass der Qivittoq dort während des Zweiten Weltkriegs gelebt hatte.[6.2]
Es gibt Berichte, wonach Personen verschwundenen Qivittut begegnet sind und anschlieĂend anderen davon erzählt haben. Teilweise zeigte sich, dass dies zutreffend war, andere Male handelte es sich um erfundene Geschichten, da später die Leiche des angeblichen Qivittoqs gefunden wurde, die zeigte, dass er bereits bei seinem Verschwinden umgekommen war. Ein Mann namens Lars war 1782 bei Nuuk verschwunden und immer wieder hieĂ es, dass Leute ihm begegnet seien. 1786 berichtete eine Frau, ihn ebenfalls gesehen zu haben. Sie kam aus einer anderen Gegend und kannte die BevĂślkerung um Nuuk nicht, aber sie berichtete, dass Lars sie nach mehreren ihr unbekannten Personen aus Saarloq gefragt hatte, die sie namentlich benennen konnte und die wirklich existierten.[6.3]
Auch innerhalb der Gesellschaft war das Ăberleben so hart, dass der Verlust eines einzelnen Jägers am Wohnplatz lebensbedrohlich fĂźr den Rest der Bewohner werden konnte. Aus diesem Grund war es nicht ungewĂśhnlich, dass Personen ihre Mitmenschen damit erpressten, in die Einsamkeit zu gehen, wenn sie ihren Willen nicht erhielten. Niels Egede schrieb beispielsweise im 18. Jahrhundert, dass ein Mädchen ihm drohte, Qivittoq zu werden, wenn er sie nicht mit nach Dänemark nähme. Qivittut waren zudem gefĂźrchtet, da sich die zurĂźckgelassene BevĂślkerung als Mitschuldige SelbstvorwĂźrfen und der Angst vor Rache ausgesetzt sah.[6.4]
In seltenen Fällen heiĂt es, dass ein Qivittoq nach langer Zeit zurĂźckkehrte, aber von der angsterfĂźllten BevĂślkerung wieder verjagt wurde. Nur in noch selteneren Fällen wurde der Qivittoq wieder â mit groĂen Misstrauen â in die Gesellschaft aufgenommen.[6.5]
Es gibt Berichte, dass Personen als Qivittut verschwanden und an anderer Stelle wieder auftauchten. Während des Zweiten Weltkriegs traf ein grÜnländischer Lotse auf einem US-amerikanischen Schiff einen grÜnländischen Matrosen, von dem sich zeigte, dass er vor vielen Jahren als Qivittoq davongerudert war und von einem US-amerikanischen Fischerboot aufgenommen worden war.[6.6] Es ist davon auszugehen, dass selbiges Anfang des 19. Jahrhunderts mit Hans ZakÌus geschehen war.[7]
Der mythologische Qivittoq
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Vermutlich aus der eigentlichen UnmĂśglichkeit des Ăberlebens heraus wurden den Qivittut ĂźbernatĂźrliche Kräfte zugeschrieben, wodurch sie eine teils mythologische Stellung erhielten. Dies konnte sogar mit eine Ursache sein, um Qivittoq zu werden, da diese ĂźbernatĂźrlichen Kräfte begehrt waren.[6.7]
Es heiĂt, dass jeder Qivittoq fĂźnf Tage hat, um seinen Beschluss ohne Konsequenzen zu revidieren und zu seinem Wohnplatz zurĂźckzukehren. In diesen fĂźnf Tagen darf er jedoch weder essen noch trinken, da alles Essbare zu Stein wird und die Gewässer versiegen, sobald er sich ihnen nähert.[6.8]
Sobald diese Zeit um ist, erlangt er ßbernatßrliche Kräfte und wird zu einer mythologischen Figur. Er kann dann sehr schnell laufen, verfßgt ßber die Fähigkeit zu fliegen, besitzt Allwissenheit und Unbesiegbarkeit, hat die Fähigkeit, mit Tieren zu sprechen oder sich in Tiere zu verwandeln, kann aber nie wieder zu den Menschen zurßckkehren.[6.9]
Qivittut ändern nicht nur ihre Fähigkeiten, sondern auch ihr Aussehen. So heiĂt es, dass sich ihre Haut schwarz verfärbt (mĂśglicherweise durch christliche Beeinflussung, da teuflische Figuren mit schwarzer Haut dargestellt wurden) und dass sie so viel weinen, dass die Augen aus den AugenhĂśhlen hervorgequollen sind und die Tränen die Haut um die Augen weggeätzt haben, sodass man ihre Knochen sieht. Qivittut tragen häufig ungewĂśhnliche Kleidung und bewegen sich auf allen Vieren fort.[6.9] Um tierisch verbesserte Sinneswahrnehmungen zu erlangen, heiĂt es auch, dass die Augen, Ohren und NasenlĂścher wachsen und die Zähne und Fingernägel scharf werden.[8]
Wer als Qivittoq stirbt, wird zu einem Geist, der in der Natur spukt. Durch diesen Glauben wurden die Geister der Qivittut von der BevĂślkerung fĂźr unerklärliche Phänomene verantwortlich gemacht.[1] Andererseits heiĂt es, dass Qivittut unsterblich seien, was fĂźr sie eine groĂe Belastung darstelle. Es ist dazu auch die Geschichte Ăźberliefert, dass es eine Art Paradies fĂźr Qivittut gebe, das aber nur erreicht werden kann, wenn der Qivittoq einem Menschen erzählt, wer er ist und wieso er ein Qivittoq geworden ist.[6.9]
Wer zum Qivittoq wird, verliert auch seinen Namen und damit seine Identität und Menschlichkeit. Während gemäà der Mythologie der Inuit die Seele eines Menschen Ăźber seinen Namen weitergegeben und wiedergeboren werden kann, ist dies fĂźr den Qivittoq somit unmĂśglich und er gilt als âfĂźr immer gefangenâ. Teilweise heiĂt es auch, dass Qivittut verlernen wie Menschen zu sprechen.[4]
Weitere Geschichten besagen, dass man nicht notwendigerweise freiwillig Qivittoq wurde, sondern von einem anderen Qivittoq âangestecktâ werden konnte, indem man von ihm angebotenes Essen aĂ und somit selbst zum geistgleichen und unmenschlichen Qivittoq wurde. Diese sind aber eher als peripher zum klassischen Qivittoq-Mythos anzusehen.[9]
Geschichtliche Entwicklung des Qivittoq-Mythos
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]18. Jahrhundert
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der erste Bericht eines Qivittoqs stammt aus dem Jahr 1741, als Niels Egede Folgendes in seinem Tagebuch notierte:[6.6]
âDen 29. [dec.] kom een GrønlĂŚnder fra Iise-Fjorden, han fortalte at for nogle Dage siden, var en GrønlĂŚnder gaaet til Fiels, for at blive en Eremit, siden hans Kone elsket en anden Mand, de fortalte og, at de havde seet een op til Fiels i Sommer, som var bortrømt for mange Aar siden, og da de andre ville have ham hjem med sig, truede han dem med Bue og Piile, saa de maatte lade ham fare med Fred.â
âAm 29. [Dez.] kam ein GrĂśnländer vom Eisfjord, er erzählte, dass vor einigen Tagen ein GrĂśnländer in die Berge gegangen war, um ein Eremit zu werden, da seine Frau einen anderen Mann liebte, sie erzählten auch, dass sie im Sommer einen in den Bergen gesehen hatte, der vor vielen Jahren davongegangen war, und als die anderen ihn mit sich nach Hause nehmen wollten, drohte er ihnen mit Bogen und Pfeil, sodass sie ihn in Frieden gehen lassen mussten.â
Niels Egedes Formulierung at gaae til Fiels (nach heutiger Rechtschreibung at gĂĽ til fjelds âin die Berge gehenâ) ist der Ursprung fĂźr die Ăźbliche dänische Ăbersetzung fjeldgĂŚnger (âBerggängerâ).[5.2]
19. Jahrhundert
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Zahlreiche weitere Geschichten wurden im 19. Jahrhundert von Hinrich Johannes Rink eingesammelt. Während die ersten Ăberlieferungen aus dem 18. Jahrhundert noch natĂźrlich wirken, enthalten die Geschichten aus dem 19. Jahrhundert vermehrt ĂźbernatĂźrliche Elemente. Es ist davon auszugehen, dass der Qivittoq-Mythos im Laufe der Zeit EinflĂźsse des traditionellen Glaubens der Inuit und des Christentums vermischte. Die realen Geschichten wurden mit traditionellen schamanistisch geprägten Mythen zusammengeworfen und christlich umgedeutet. Somit war der Qivittoq einer, der nicht nur die Gesellschaft verlieĂ, sondern auch den rechten Glauben aufgab, und eine mĂśglichst negative Konnotation von Qivittut oder eine direkte Assoziation mit dem Teufel war im Sinne der europäischen Missionare.[5.3] Diese Entwicklung hatte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Knud Rasmussen weitere Geschichten sammelte, verfestigt. Der Fokus lag nun kaum noch darauf, wie und warum der Qivittoq die Gesellschaft verlassen hatte, sondern darauf, dass Menschen Qivittut begegneten, und die Geschichten handelten primär von deren magischen und Ăźblicherweise bĂśsen Kräften.[5.4]
20. und 21. Jahrhundert
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Angst vor dem mythologischen Qivittoq diente bereits zu dieser Zeit vor allem fĂźr Kinder als Gruselgeschichte. Unartigen Kindern drohte man somit Qivittorsuup orneqinavaatit!, âPass auf, dass der groĂe Qivittoq nicht zu dir kommt!â oder ähnlichen Formulierungen.[6.5][5.5] Der Qivittoq-Mythos hat bis heute im grĂśnländischen Bewusstsein Ăźberlebt, allerdings meist als reine Gruselgeschichte. Dennoch gibt es auch heute noch vereinzelte Berichte von Begegnungen mit Qivittut in GrĂśnland, beispielsweise 2011, als ein Jäger aus Aasiaat davon erzählte, von zwei merkwĂźrdigen heruntergekommenen Gestalten in einen Faustkampf verwickelt worden zu sein. Sein Bericht zeigte deutliche EinflĂźsse von Aberglauben, beispielsweise dass sein Bruder, der auf ihn wartete, zum selben Zeitpunkt von einer Schneeammer besucht worden war, was als Zeichen fĂźr den Tod gesehen wird. Andererseits war der Bericht ohne grĂśĂere Beschreibungen von ĂbernatĂźrlichkeit und so sachlich, dass er nicht als Gruselgeschichte dienen konnte.[5.6]
Erst in Verbindung mit der Missionierung erhielt der Qivittoq seine mythologische Komponente, mÜglicherweise als Versuch der BevÜlkerung, den Schamanismus unter neuem Namen in Geschichten ßberleben zu lassen, was als Konsequenz der Kolonialgeschichte GrÜnlands und der damit verbundenen Kulturpolitik und Identitätsproblematik verstanden werden kann.[5.7]
Qivinneq als Suizid
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Qivinneq kann als eine spezielle Form des Suizids angesehen werden. Diese Sichtweise wurde erstmals 1883 vertreten. Da die Ăberlebenschancen eines Qivittoqs vor allem Ăźber längere Sicht äuĂerst gering waren, war der Qivinneq fĂźr den Qivittoq eine MĂśglichkeit, sich selbst zu tĂśten. Selbstmord ist in der heutigen grĂśnländischen Gesellschaft ein groĂes Problem und in der postkolonialen Geschichte des Landes seit etwa den 1970er Jahren stark verbreitet. Es wurde die Theorie aufgebracht, dass Suizide mit westlichen TĂśtungsmethoden sich nicht erst ab dort verbreitet, sondern nur den Qivinneq als Suizidmethode abgelĂśst hatte. Dabei wurde der Ărger Ăźber die Gesellschaft als Ursache vom eigenen nahen Umfeld auf die dänischen Obrigkeiten im postkolonialen GrĂśnland transferiert.[4]
In Kanada hat sich das Wort sogar lexikalisiert fĂźr eine Person, die Suizid begeht, ursprĂźnglich durch den Qivinneq, mittlerweile aber auch durch andere Methoden. Hier fehlt dem Konzept aber ebenfalls der mythologische Aspekt, der nur in GrĂśnland existiert.[10]
Kulturelle Rezeption und Gebrauch des Qivittoq-Motivs
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Qivittoq ist ein populäres Motiv in der grÜnländischen Erzählkultur. Daneben ist das Thema jedoch auch vielfach in anderen Genres aufgegriffen worden.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Aage Ibsens Novelle FjĂŚldgĂŚnger (1908) behandelt das Motiv zentral. Das Ziel des Autors war vermutlich die Darstellung der kulturellen Unterschiede zwischen GrĂśnländern und Dänen, um die konservative StrĂśmung der zu diesem Zeitpunkt stark debattierten dänischen Kolonialpolitik in GrĂśnland zu befeuern. Die Novelle behandelt Identitätskonflikte der Hauptfigur und nutzt den Qivittoq in der zeitgemäĂen Darstellung als ĂźbernatĂźrliches Wesen als Symbol fĂźr das traditionell GrĂśnländische, an das kein Däne glauben wĂźrde.[5.8]
Auch im ersten grĂśnländischen Roman Singnagtugaĸ (1915) von Mathias Storch spielt das Motiv eine wichtige Rolle. Hier wird erzählt, wie eine der Hauptfiguren aus Frust darĂźber, dass seine Angebetete einen seiner StiefbrĂźder heiratete, beschloss Qivittoq zu werden und dann ewig auf das Erlangen magischer Kräfte wartete, ohne dass dies eintrat. Als er schlieĂlich seinen Fehler einsah und beschloss zurĂźckzukehren, kam er ums Leben, aber seine Leiche wurde gefunden und christlich begraben. Mathias Storch war Pastor und späterer Propst sowie eine der Hauptfiguren der christlichen Bewegung Peqatigiinniat zu dieser Zeit, womit er zu den einflussreichsten GrĂśnländern seiner Zeit gehĂśrte. Sein Ziel ist klar: Der Qivittoq wird auch hier als Darstellung fĂźr das traditionell GrĂśnländische genutzt, aber durch die ausbleibende Mythik so der Lächerlichkeit preisgegeben, dass die Handlungen des Protagonisten als seiner fehlenden Bildung geschuldete Dummheiten dargestellt werden. Damit appellierte Mathias Storch fĂźr den erwĂźnschten Fortschritt fĂźr die grĂśnländische BevĂślkerung und damit direkt an die progressive StrĂśmung der Kolonialismusdebatte. Zudem zeigt seine Darstellung deutliche christliche EinflĂźsse, da der Fehler â der Glauben an unchristliche ĂźbernatĂźrliche Kräfte â am Ende eingesehen wird und seine SĂźnden durch die christliche Bestattung verziehen werden.[5.9][6.10]
Auch in jĂźngeren Werken wird auf Qivittut Bezug genommen, wobei die Darstellungen hier wieder sachlicher werden. In Otto Steenholdts Roman Inuillisimasup ikioqqunera (2001) wird erzählt, wie sich ein totgeglaubter Mann schriftlich an den Autor wendet und um Hilfe bittet. Hierbei wird bewusst Abstand von allem ĂbernatĂźrlichen genommen und sogar der Begriff Inuillisimasoq statt Qivittoq genutzt, um den Mythos abzulehnen. Die Modernität der Geschichte kulminiert darin, dass der Mann ins Ausland geschmuggelt wird und schlieĂlich nach einer Geschlechtsumwandlung in New York City lebt.[5.10]
Film
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der dänische Film Qivitoq (1956), der in GrĂśnland spielt, behandelt das Motiv so zentral, dass es sogar als Filmtitel dient. Der Kontrast zwischen traditioneller Mythologie und einer modernisierten christlichen Gemeinschaft und der damit verbundene Identitätskonflikt sind deutlich im Film erkennbar und erinnern somit an Aage Ibsens Darstellung, wenn auch mit anderen HintergrĂźnden. Die Figuren Ăźberwinden ihren Aberglauben und werden durch Erfolge belohnt, was Ăhnlichkeiten mit Mathias Storchs Roman zeigt. Das Dänische bzw. die Modernisierung GrĂśnlands, die zu diesem Zeitpunkt durch die G50-Politik aktuell war, wird hier als Mittel zum GlĂźck fĂźr die grĂśnländische BevĂślkerung dargestellt.[5.11]
Im Film Qaammarngup uummataa / Lysets hjerte (1998), einer dänisch-grĂśnländischen Koproduktion, deren Drehbuch vom GrĂśnländer Hans Anthon Lynge geschrieben wurde, wird ebenfalls ein Identitätskonflikt behandelt, diesmal im Kontext des postkolonialen GrĂśnlands. Die Hauptfigur lebt ein unglĂźckliches Leben in der ständigen Sorge, zu dänisch zu werden und die grĂśnländische Identität aufzugeben. Nach einem Streit begeht sein Sohn betrunken einen Amoklauf und erschieĂt sich anschlieĂend selbst, woraufhin die Hauptfigur aus Scham in die Natur flĂźchtet. Hier begegnet er einem Qivittoq. Die Darstellung des Qivittoqs folgt den mythischen Darstellungen aus der Zeit Knud Rasmussens und wird als Mittel fĂźr den Ausdruck des GrĂśnländischen genutzt, an dem die Hauptfigur hängt. Er ist gewissermaĂen eine Metapher bzw. Allegorie des GrĂśnländischseins, vergleichbar mit Holger Danske fĂźr Dänemark. Der Qivittoq erzählt zum Schluss, dass sein Qivinneq daraus resultierte, dass er die Vergangenheit nicht akzeptieren konnte und er deswegen einsam wurde. Mit der Akzeptanz der grĂśnländischen Geschichte findet die Hauptfigur anschlieĂend Frieden.[5.12]
Der Film Qaqqat Alanngui (2011) ist eine grÜnländische Produktion, geschaffen von Malik Kleist und der erste grÜnländische Horrorfilm. Ein Qivittoq als ßbernatßrliches Wesen enthauptet einen Jugendlichen auf der Jagd, was sein Bruder nicht verhindern kann. Beide werden später vermisst. Acht Monate später diskutiert eine Gruppe Jugendlicher angesichts dieses Falls ßber Qivittut, wobei dies als Aberglaube abgetan wird, vergleichbar mit der Darstellung in Qivitoq. Als die Gruppe zum Feiern in eine Hßtte in die Natur fährt, stÜren sie ein Grab (wie acht Monate zuvor) und werden ebenfalls vom Qivittoq gejagt. Einer von ihnen wird ermordet und daraufhin selbst zum Qivittoq, der die anderen jagt. Die Darstellung folgt auch hier dem unmenschlichen, tierischen, gespenstischen Aussehen. PlÜtzlich erscheint der vermisste Bruder des getÜteten Jägers und versucht zu helfen. Weitere werden getÜtet, andere ßberleben. Der Bruder befindet sich dauerhaft in einem Zwischenstadium zwischen lebendig und tot. Im Film kÜnnen Qivittut mit Schusswaffen und Messern getÜtet werden. Die Darstellung der Qivittut in Qaqqat Alanngui wird als moderne Form eines vollständig mythologischen Wesens interpretiert, wobei das Ziel Horror als Unterhaltungsform ist und keine kulturpolitische Agenda verfolgt wird.[5.13]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Inge Parbøl: QivĂtut, grønlandske fjeldgangsmĂŚnd. In: Tidsskriftet Grønland. Nr. 1955/12, S. 452â463 (Online [PDF]).
- Qivioq Nivi Juaannaaraq Løvstrøm: FÌnomenet Qivittoq. Et etnohistorisk analyse af beretninger om begrebet qivittoq samt nuvÌrende forstüelsesrammer af begrebet. Ilisimatusarfik, Nuuk 8. Juni 2021 (Online [PDF]).
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Birgitte Sonne: Grønlandske sagn og myter / Sonnes base. Arktisk Institut. (Datenbank zu grÜnländischen Sagen und Mythen, durchsuchbar nach Erzählungen ßber Qivittut.)
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 Bo Wagner Sørensen: qivittoq. Danmarks Nationalleksikon.
- â Inge Lynge: Psykiske lidelser i det grønlandske samfund. Universitetshospital i Ă rhus, Aarhus 2000, S. 16 f. (Online [PDF]).
- â Michael Fortescue, Steven Jacobson, Lawrence Kaplan: Comparative Eskimo Dictionary with Aleut Cognates. 2. Auflage. Alaska Native Language Center, Fairbanks 2010, ISBN 978-1-55500-109-4, S. 328.
- 1 2 3 Janne Flora: The Lonely Un-Dead and Returning Suicide in Northwest Greenland. In: LudÄk BroĹž, Daniel MĂźnster (Hrsg.): Suicide and Agency. Anthropological Perspectives on Self-Destruction, Personhood, and Power. Routledge, London / New York 2016, ISBN 978-1-4724-5791-2, S. 53â56 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
- Qivioq Nivi Juaannaaraq Løvstrøm: FÌnomenet Qivittoq. Et etnohistorisk analyse af beretninger om begrebet qivittoq samt nuvÌrende forstüelsesrammer af begrebet. Ilisimatusarfik, Nuuk 8. Juni 2021 (Online [PDF]).
- Inge Parbøl: QivĂtut, grønlandske fjeldgangsmĂŚnd. In: Tidsskriftet Grønland. Nr. 1955/12, S. 452â463 (Online [PDF]).
- â Mads Lidegaard: Hans ZakĂŚus. Dansk Biografisk Leksikon.
- â Mark Nuttall: Under the Great Ice. Climate, Society and Subsurface Politics in Greenland. Routledge, London / New York 2017, ISBN 978-1-315-74384-4, S. 99 f. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
- â Robert Petersen: Body and soul in ancient Greenlandic religion. In: Juha Pentikäinen (Hrsg.): Shamanism and Northern Ecology. Mouton de Gruyter, Berlin / New York 1995, ISBN 3-11-014186-8, S. 71â73 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
- â Inge Kleivan, Birgit Sonne: Eskimos. Greenland and Canada (= Iconography of Religions. Band 8, Nr. 2). E. J. Brill, Leiden 1985, ISBN 90-04-07160-1, S. 21 f. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).