Vehicle to Grid

Unter Vehicle to Grid (V2G, zu Deutsch: Vom Fahrzeug zum Netz) versteht man ein Konzept zur Abgabe von elektrischem Strom aus den Antriebsakkus von Elektro- und Hybridautos zurĂŒck in das öffentliche Stromnetz. Im Unterschied zu reinen E-Autos können bidirektional ladefĂ€hige Fahrzeuge nicht nur elektrische Energie aus dem Netz entnehmen, sondern als Teil eines intelligenten Energiesystems in Zeiten groĂer Netzlast auch wieder ĂŒber spezielle Ladestationen in das Netz oder das Haus einspeisen (Bidirektionales Laden). Vehicle to grid ermöglicht somit eine intelligente Sektorenkopplung, oder die Versorgung eines Hauses bei Stromausfall. Allerdings ist die Zwischenspeicherung verlustbehaftet.
Die V2G-Technik könnte dazu beitragen, den Verkehrssektor zu dekarbonisieren, Laststeuerungsaufgaben wahrzunehmen, die Integration erneuerbarer Energien zu verbessern sowie eine zusĂ€tzliche Einnahmequelle fĂŒr Energieversorgungsunternehmen und Besitzer von Elektroautos zu bilden.[1] Auch das Erbringen von Systemdienstleistungen ist möglich.[2] Die V2G-Technik kann damit eine Ă€hnliche Funktion erfĂŒllen wie ein Batteriespeicher. FĂŒr eine effiziente Anwendung ist allerdings eine ausreichend hohe Zahl von Fahrzeugen mit Elektrospeichern und öffentlicher oder privater Anschlussstellen erforderlich. Einige Hersteller bieten entsprechende Infrastruktur fĂŒr den Hausanschluss an.
Eng verwandt ist Vehicle to Home (V2H), ein Konzept, bei dem das Elektrofahrzeug die Rolle als Stromspeicher fĂŒr den eigenen Haushalt (ohne weitergehende Einspeisung in das öffentliche Stromnetz) erfĂŒllt.[3] Alternative Bezeichnungen sind Vehicle to Building (V2B), womit Lösungen zum Anschluss mehrerer Fahrzeuge ans Stromnetz vermarktet werden, sowie Vehicle to Load (V2L) und Vehicle to Vehicle (V2V), womit Inverter im Fahrzeug vermarktet werden. Der Gesamtbereich der technischen Lösungen, um die Fahrzeugbatterie als Stromquelle zu nutzen, wird entsprechend als Vehicle-to-X (V2X) bezeichnet. Unter den V2X-Techniken ist V2G der anspruchsvollste Teil, da das Batteriemanagement teilweise zum Energieversorger verlegt wird, und das Zusammenspiel zahlreicher Komponenten mit öffentlich vereinbarten Standards sowohl rechtlich wie technisch geregelt werden muss.
Funktionsweise und Details
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Vehicle-to-Grid-AnsĂ€tze beruhen auf dem Umstand, dass die meisten Fahrzeuge den gröĂten Teil des Tages geparkt sind. Beispielsweise werden die meisten Privatfahrzeuge in Deutschland weniger als 2 Stunden tĂ€glich bewegt und stehen damit den GroĂteil des Tages fĂŒr V2G-Anwendungen zur VerfĂŒgung. Da die Ladezeit ĂŒblicherweise deutlich geringer ist als die tatsĂ€chliche Standzeit, können Ladedauer der Batterien an die jeweiligen Anforderungen im Stromnetz angepasst und die Elektroautos somit zum Lastmanagement eingesetzt werden. Unter der Annahme, dass 70 % der Fahrzeuge ĂŒber eine BatteriegröĂe von 20 kWh verfĂŒgen und die Batterie zu 50 % geladen ist, könnten eine Mio. Elektroautos 7 GWh zusĂ€tzliche SpeicherkapazitĂ€t zur VerfĂŒgung stellen. Selbst wenn alle Fahrzeuge nur einphasig ĂŒber normale Haushaltssteckdosen mit 3 kW ans Netz angeschlossen wĂ€ren, stĂŒnde eine Regelleistung von 2,1 GW zur VerfĂŒgung. WĂŒrden jedoch 90 % aller Autos in Deutschland auf oben beschriebene Elektroautos umgestellt, könnten diese 277 GWh elektrische Energie speichern und 83 GW Ausgleichsenergie bereitstellen, was höher ist als die gesamte deutsche Spitzenlast. Allerdings ist mit Stand 2018 das RĂŒckspeisen von Strom ins Netz teuer, sodass es derzeit zweckmĂ€Ăig ist, das Lastmanagement vorwiegend auf das flexible Laden zu beschrĂ€nken und nur in AusnahmefĂ€llen auch tatsĂ€chlich Energie zurĂŒck ins Netz zu speisen.[4]
Bei diesen Betrachtungen sollte man nicht auĂer Acht lassen, dass die meisten Fahrzeugbatterien eine von den Zyklen abhĂ€ngige Lebensdauer aufweisen. FĂŒr eine effektive und effiziente Funktion des V2G-Konzeptes muss der Fahrzeugbesitzer dem Netzbetreiber die zentrale Kontrolle ĂŒber die Lade- und EntladevorgĂ€nge ĂŒberlassen. In diesem Fall tangiert der Betrieb V2G die Garantiebedingungen der Hersteller, denn V2G setzt die Lebensdauer der Batterie herunter.[5]
Technisch gesehen kann âVehicle to Gridâ sowohl durch eine Elektroauto-Ladestation IEC 61851-1 âMode 4â â schnelle Ladung durch ein externes LadegerĂ€t (Bidirektionaler DC-Direktzugriff der Stromtankstelle auf den Akku des Elektrofahrzeugs), als auch direkt ĂŒber Typ 2 erfolgen. Der Unterschied ist lediglich, dass das zugehörige LadegerĂ€t/Inverter im Auto oder im ersteren Fall in der Infrastruktur bereitgestellt wird.
Lösungen, bei denen ein Hausbesitzer mit Solaranlage den Akku seines Elektroautos als Stromspeicher nutzt, sind in Deutschland schon realisiert.[6] Auch Nissan bietet unter der Bezeichnung e8energy DIVA[7] ein derartiges System an.
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Idee wurde u. a. von Willet Kempton und seinem Team an der University of Delaware propagiert und ausgearbeitet.[8] Studien zeigen, dass von den Millionen von Autos in den Industriestaaten in etwa 95 %[9] der Gesamtnutzungszeit nicht bewegt werden und deshalb als Speicher benutzt werden könnten, wenn sie entsprechend leistungsfĂ€hige Akkumulatoren hĂ€tten und die RĂŒckspeisung in die Stromnetze ĂŒber die Ladestationen möglich wĂ€re. In Zeiten schwacher Nachfrage preiswert aufgeladen, wĂŒrden sie zu Spitzenlastzeiten als schnell verfĂŒgbare Puffer das Netz stĂŒtzen. Insbesondere fĂŒr die in ihrer Leistungsabgabe stark schwankende Windenergie bietet ein solches Konzept eine bedeutsame Basis fĂŒr den weiteren Ausbau.[10]
Die Technologie wurde Ende 2007 mit sechs Fahrzeugen ĂŒber die Dauer von einem halben Jahr erprobt, wobei der Ausgang aber nicht dokumentiert ist.[11][12]
2008 sprach sich der Bundesverband Windenergie in Deutschland fĂŒr den Ausbau von V2G zur StĂŒtzung der Windenergie aus.[13]
Am 21. September 2009 wurde im US-Bundesstaat Delaware als erstem Staat der Welt ein Gesetz verabschiedet, das EigentĂŒmern von Elektrofahrzeugen eine VergĂŒtung fĂŒr zurĂŒckgespeiste Energie zusichert, die dem tageszeitabhĂ€ngigen Stromtarif entspricht. Damit kann der Fahrzeughalter mit dem notwendigen bidirektionalen StromzĂ€hler erstmals praktisch als StromhĂ€ndler fungieren, indem er seine Batterien mit gĂŒnstigem Nachtstrom auflĂ€dt und diese zu Verbrauchsspitzen wieder entlĂ€dt.[14]
2012 wurde das vom Bundesministerium fĂŒr Wirtschaft und Energie geförderte Projekt LokSmart â Lokale Smart Grids JETZT! in Deutschland gestartet. Im Rahmen des Projektes wurde die erste bidirektionale CCS-SchnelladesĂ€ule entwickelt und in ein lokales Intelligentes Stromnetz (lokales Smart Grid â mobiler Batteriespeicher und Blockheizkraftwerk) integriert. Die LadesĂ€ule wurde durch die Hochschule OsnabrĂŒck entwickelt, gebaut und gemeinsam auf dem GelĂ€nde des PlanungsbĂŒro Koenzen in Hilden getestet. WĂ€hrend des Projektes wurde die ISO 15118-2 so erweitert das bidirektionales Laden möglich wurde. Gleichzeitig wurde ein VW Bully mit einer bidirektionalen CCS-Ladeschnittstelle nach der gemeinsam ĂŒberarbeiteten ISO 15118-2 gebaut und betrieben.[15]
2018 wurden in den Niederlanden die ersten öffentlich nutzbaren V2G-LadesĂ€ulen installiert.[16] Im Oktober 2018 erhielt der Nissan Leaf in einer Anlage des Energieversorgers Enervie als erstes Auto in Deutschland die Zulassung fĂŒr die RĂŒckspeisung von PrimĂ€rregelleistung ins Stromnetz.[17]
2018 startete Renault ein Pilotprojekt auf der Insel Porto Santo, bei dem unter anderem Fahrzeuge eingesetzt werden, um auch Strom ins Netz zurĂŒckspeisen zu können.[18][19]
2021 stellte E.ON gemeinsam mit dem Logistikanbieter Fiege ein Projekt vor, in dem zwei DC-LadesÀulen auch Strom aus angeschlossenen Fahrzeugen beziehen können.[20]
2023 wurde das Open Charge Point Protocol (OCPP) Version 2.0.1 verabschiedet, das eine Umsetzung der ISO 15118 fĂŒr Vehicle-to-Grid beinhaltet. Neuere Lösungen von V2H und V2G setzen darauf auf.
Entwicklungsstand und HĂŒrden
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]China
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In China treiben die Autoindustrie, die dortige Energiewirtschaft und die staatlichen Institutionen die Integration von Elektroautos in das Stromsystem aktiv voran.[21] Die Nationale Entwicklungs- und Reformkommission (National Development and Reform Commission =NDRC) und die Energiebehörde haben im ersten Quartal 2025 den Start von 30 Pilotprojekten in neun StĂ€dten, darunter Metropolen wie Peking, Shanghai, Shenzhen und Guangzhou, angekĂŒndigt. Die Stromnetzbetreiber sind fĂŒr die DurchfĂŒhrung der Projekte verantwortlich, die Provinzregierungen fĂŒr den Aufbau der Ladeinfrastruktur und die Energieaufsichtsbehörde fĂŒr die Integration in den Stromhandel.[22]
Die Ausgangsbedingungen fĂŒr den GroĂversuch sind gĂŒnstig, da China aufgrund der hohen Verbreitung von Elektroautos und erneuerbaren Energien in diesem Bereich die MarktfĂŒhrerschaft innehat; zudem haben mehrere chinesische Hersteller (z. B. Nio, Great Wall Motors) bereits V2G-fĂ€hige Fahrzeuge entwickelt oder im Einsatz. Des Weiteren vereinfacht die zunehmende Verbreitung von Batteriewechselstationen (wie die von Nio in Kooperation mit CATL) die Netzintegration, da in den Stationen viele Batterien zentral verfĂŒgbar sind und als groĂer Speicher agieren können. Nio betreibt bereits V2G-fĂ€hige Ladestationen.
Europa
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Obwohl auch in Europa an V2G geforscht wird und Pilotprojekte laufen (mit Beteiligung groĂer Netzbetreiber), ist eine groĂflĂ€chige Realisierung in weiter Ferne.[23][24] HĂŒrden sind hohe Kosten fĂŒr bidirektionale Wallboxen, die geringe Verbreitung intelligenter StromzĂ€hler, fehlende dynamische Stromtarife und regulatorische Probleme wie doppelte Abgaben auf zwischengespeicherten Strom, die das Konzept derzeit unwirtschaftlich machen.[25][26]
UnterstĂŒtzung in Pkw-Modellen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Mitsubishi i-MiEV beherrscht das bidirektionale Laden, um so den Akku des Autos als Stromspeicher fĂŒr etwa ein Haus bereitzustellen.[27]
Theoretisch beherrscht der Renault Zoe das bidirektionale Laden, was 2018 in einem Pilotprojekt getestet wurde.[18] Dazu war jedoch eine Modifikation am Fahrzeug durch einen nicht serienmĂ€Ăigen fernsteuerbaren Batteriecontroller erforderlich.[28]
Polestar verbaut seit 2025 in den Modellen Polestar 3 und Polestar 4 die Technik zum bidirektionalen Laden. Der Polestar 4 ist Vehicle-to-Load-fĂ€hig, der Polestar 3 unterstĂŒtzt Vehicle-to-Grid. Zudem wurde ein Pilotprojekt im Heimatmarkt Schweden gestartet.[29]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Henrik Lund, Willett Kempton: Integration of renewable energy into the transport and electricity sectors through V2G. In: Energy. Band 36, Nr. 9, 2008, S. 3578â3587, doi:10.1016/j.enpol.2008.06.007.
- Willett Kempton, Jasna TomiÄ: Vehicle-to-grid power fundamentals: Calculating capacity and net revenue. In: Journal of Power Sources. Band 44, Nr. 1, 2005, S. 268â279, doi:10.1016/j.jpowsour.2004.12.025.
- Benjamin K. Sovacool et al.: Tempering the Promise of Electric Mobility? A Sociotechnical Review and Research Agenda for Vehicle-Grid Integration (VGI) and Vehicle-to-Grid (V2G). In: Annual Review of Environment and Resources. Band 42, 2017, doi:10.1146/annurev-environ-030117-020220.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Vehicle to Grid â A Control Area Operators Perspective
- Kempton, W., Tomic, J., Letendre, S., Brooks, A., & Lipman, T.: Vehicle-to-Grid Power: Battery, Hybrid, and Fuel Cell Vehicles as Resources for Distributed Electric Power in California. In: eScholarship, University of California Davis: Institute of Transportation Studies, 2001
- Deutsche Presse-Agentur 7. September 2025: Autos als Stromspeicher? Eon wittert eine groĂe Chance
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Benjamin K. Sovacool et al.: Tempering the Promise of Electric Mobility? A Sociotechnical Review and Research Agenda for Vehicle-Grid Integration (VGI) and Vehicle-to-Grid (V2G). In: Annual Review of Environment and Resources. Band 42, 2017, doi:10.1146/annurev-environ-030117-020220.
- â GĂŒnther Brauner: Energiesysteme: regenerativ und dezentral. Strategien fĂŒr die Energiewende. Wiesbaden 2016, S. 84.
- â David P.Tuttle, Robert L. Fares, Ross Baldick, Michael E. Webber: Plug-In Vehicle to Home (V2H) Duration and Power Output Capability. In: users.ece.utexas.edu. The University of Texas at Austin, abgerufen am 24. Juli 2020 (englisch).
- â Stefan Krauter: Simple and effective methods to match photovoltaic power generation to the grid load profile for a PV based energy system. In: Solar Energy. Band 159, 2018, S. 768â776, doi:10.1016/j.solener.2017.11.039.
- â Archivierte Kopie ( vom 26. Februar 2011 im Internet Archive)
- â manager-magazin.de Elektroauto-Rebell Karabag: âUnser Elektroauto-Konzept ist billiger als ein konventioneller Pkwâ
- â e8energy DIVA: das Elektroauto als Hausspeicher, goingelectric.de, abgerufen am 31. Januar 2015
- â University of Delaware: Vehicle to Grid Power
- â Car Prototype Generates Electricity, And Cash. In: Science Daily. 9. Dezember 2007, abgerufen am 6. Juli 2017.
- â University of Delaware: Offshore Wind Power
- â Xcel Energy Announces Six-Month Test of V2G and Plug-In Hybrid Electric Vehicles
- â PG&E and Tesla Motors Co-Pilot Vehicle-to-Grid Research ( vom 27. August 2008 im Internet Archive)
- â Bundesverband WindEnergie: Mit Windstrom Auto fahren â billiger und weniger CO2
- â 21. September 2009 Delaware State Senate Bill 153
- â Abschlussbericht LokSmart lokale Smart Grids - JETZT!. ,Februar 2016. Abgerufen am 10. September 2026.
- â Vehicle to Grid. Wenn das Auto Strom liefert. In: Erneuerbare Energien. Das Magazin, 17. MĂ€rz 2018. Abgerufen am 18. MĂ€rz 2018.
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- â Ladeinfrastruktur | "Aus technologischer Sicht ist V2G kein groĂes Problem" | springerprofessional.de. Abgerufen am 7. April 2025.
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- â Autor ungenannt: Pressemitteilung: Elektrofahrzeuge können als âBatterien auf RĂ€dernâ Energieversorgern und Autofahrenden in der EU ĂŒber 100 Milliarden Euro in zehn Jahren einsparen. In: transportenvironment.org. Transport & Environment (Europas Dachverband fĂŒr sauberen Verkehr und Energie), 20. MĂ€rz 2025, abgerufen am 7. April 2025.
- â ecomento.tv Intersolar: Mitsubishi zeigt Elektroauto-Stromspeicher fĂŒrs Haus
- â The Mobility House macht Porto Santo CO2-frei. In: pv magazine. Abgerufen am 10. September 2020.
- â E-Automarkt: Polestar sieht sich als einzige neue Konstante. 26. April 2025, abgerufen am 14. Mai 2025.