Walen
Walen oder Venediger (auch Walhen, Wahlen, WĂ€lsche oder Welsche, Venedigermandln, Vennizianer, Venezianer, Venetianer und Ă€hnliche Schreibweisen) sind in der SagenĂŒberlieferung fremde Erz- und Mineraliensucher. Es ist nicht gesichert, ob solche Leute wirklich nach Mineralen suchten, die zur Glasherstellung benötigt wurden. Die angeblichen Goldsucher haben aufgrund ihrer fremden Sprache und ihres unverstĂ€ndlichen Tuns in den Bergen in ganz Mitteleuropa zur Sagenbildung angeregt. In der Sage wurden ihnen auch magische Eigenschaften zugeschrieben. Sie erscheinen dort als zauberkundige und geisterhafte Fremdwesen. DarĂŒber hinaus wurde ihnen die Autorschaft der sogenannten WalenbĂŒcher zugeschrieben, angeblichen Wegbeschreibungen zu verborgenen SchĂ€tzen und reichen Erzadern.
Bezeichnung als âWalenâ oder âVenedigerâ
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Bezeichnung âWalenâ leitet sich von Welsche ab, im allgemeinen Sinne von âAuslĂ€nderâ, der eine fremde (meist romanische Sprache) spricht; âVenedigerâ hingegen von der oft als Herkunftsort genannten Stadt Venedig, damals ein weltberĂŒhmtes Zentrum der Gold- und Silberschmiedekunst, der Edelsteinschleifer und Glasmanufakturen. Daneben werden aber sowohl in den zeitgenössischen Dokumenten als auch in den Sagen die unterschiedlichsten Herkunftsorte genannt, die meist in Italien, aber auch in Frankreich und Spanien, gelegentlich sogar in Böhmen und Deutschland liegen. Im sĂŒddeutschen Sprachraum werden die Sagengestalten wegen ihrer NĂ€he zu den BergmĂ€nnchen und Berggeistern als Venedigermandl oder kurz Mandl, in ThĂŒringen auch als âErzmĂ€nnchenâ bezeichnet.
Historischer Hintergrund
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Der Montanethnograph Helmut Wilsdorf weist darauf hin, dass im Mittelalter kobaltblaues Glas in Europa sehr selten und begehrt war. Da es meist aus Konstantinopel (ĂŒber Venedig) importiert wurde, hieĂ es auch âbyzantinisches Glasâ. Abt Suger von Saint-Denis rĂŒhmte sich, dass er fĂŒr die Fenster seiner 1144 geweihten Kirche die sehr teure âSaphirmasseâ beschaffen konnte, die man zur Herstellung klaren blauen Glases benötigte. Chemische Analysen dieser und anderer blauer GlĂ€ser aus französischen Kathedralen ergaben einen charakteristisch hohen Wismut-Gehalt, der sich nur mit Vorkommen in Deutschland deckt: dem Schneeberg im Erzgebirge und dem SchwarzwĂ€lder Kinzigtal. Zu diesem Zeitpunkt, und noch lange danach, ist in den genannten Gebieten aber gar kein groĂ angelegter Bergbau nachweisbar. (TatsĂ€chlich stört das Vorkommen von Kobalterzen den Silberbergbau, weil es den Ertrag mindert.) Dennoch muss es Menschen gegeben haben, die diese Vorkommen und den Wert der Erze kannten und sie nach Frankreich brachten. Um 1400 erwĂ€hnte Cennino Cennini in seinem Traktat ĂŒber die Malerei ein azurro della Magna, also ein âBlau aus Deutschlandâ, das auf unklare Weise mit dem Silberbergbau zu tun hatte, und gab dessen deutschen Namen mit smalto, also âSchmelzfarbeâ, an. Im Laufe des 15. Jahrhunderts wurden die wichtigsten Kobaltvorkommen aber allgemein bekannt, und es musste nicht mehr besonders danach gesucht werden.
Anders verhielt es sich mit dem manganhaltigen Braunstein, der besonders fĂŒr die EntfĂ€rbung des berĂŒhmten Venezianer Spiegelglases benötigt wurde. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts besaĂ Venedig praktisch das Monopol auf diese Technik, und den GlasblĂ€sern von Murano war es bei Todesstrafe untersagt, ihre Geheimnisse preiszugeben.
Eine ErwĂ€hnung von Walen stammt vom April 1365. Hier nennt Markgraf Friedrich so italienische Kaufleute, was nichts mit den spĂ€teren Walen-Vorstellungen zu tun hat.[1] Eine ErwĂ€hnung, die sich auf die Traditionsbildung bezieht, findet sich im 1523 gedruckten Joachimsthaler BergbĂŒchlein. Dort beklagt sich Hans Rudhardt in einem Vers, dass die Walen âgroĂe Burde und Huckâ aus Deutschland davontragen. Caspar Bruschius schreibt 1542 in seiner historisch-geographischen Beschreibung des Fichtelgebirges von Wahlen und Venedigern (neben Spaniern und Zigainern). Auch er beschwert sich, dass diese fremden landkundtschaffter die BodenschĂ€tze Deutschlands besser kennen, als die Einheimischen selbst (die zuweilen mit einem Stein nach einer Kuh werfen, der wertvoller als die Kuh ist â eine sprichwörtliche Wendung), und groĂe SchĂ€tze mit sich von dannen fĂŒhren. Hier findet sich auch die erste ErwĂ€hnung von WalenbĂŒchern, die auf âwellischâ, französisch und niederdeutsch geschrieben seien. Von dem Exemplar, das er selbst besessen hat, sagt Bruschius nur, es habe âviel Seltsamesâ darin gestanden und auf zahlreiche Fundstellen hingewiesen.

1574 stellte Lazarus Ercker, der Oberbergmeister des Königreichs Böhmen, fest:
âSo viel hab ich aber von glaubwirdigen Personen, die von solchen Landfahrern berichtet worden, daĂ solche Körner gar kein Gold bey sich haben, werd auch keinĂ darauĂ gemacht, sondern durch sie, die Landfahrer, in Italien und anderen Orten umb einen Lohn hingetragen, als zu einem Zusatz, darauĂ schöne Farben oder Schmeltz-GlaĂ gemacht werden. Welche Farben und Schmeltz-Glas man bey jhnen so hoch achte, und so Tewer verkauffe, als wenn es Gold wĂ€re.â[2]
Ein anderes Monopol versuchte der Kirchenstaat zu verteidigen, nachdem 1459 die AlaunlagerstĂ€tten bei Tolfa entdeckt worden waren. Papst Pius II. drohte jedem mit dem Kirchenbann, der sein Alaun nicht bei ihm, sondern beim âFeind der Christenheitâ, einkaufen wĂŒrde. Nach der Eroberung von Konstantinopel waren nĂ€mlich die wichtigen AlaunlagerstĂ€tten bei Phokaia in die Hand der TĂŒrken gefallen, und so wurde Tolfa mit 6000 Bergarbeitern zeitweise zur gröĂten Bergbauunternehmung des Abendlandes. Nachdem Erzsucher in Europa aber auch zusĂ€tzliche Alaunvorkommen entdeckt hatten, begannen die Einnahmen der Apostolischen Kammer, die offiziell mit der Finanzierung des nĂ€chsten Kreuzzugs betraut war, deutlich zu sinken. So entschied sich der Papst, italienische Fachleute auszusenden, die die Unternehmen der unliebsamen Konkurrenz auskundschaften, aufkaufen oder anderweitig ausschalten sollten. Andererseits heuerten auch finanzkrĂ€ftige Investoren wie die Fugger solche Fachleute zu genau demselben Zweck an (Agricola traf zwei von ihnen 1526 in Rom, einen Erzsucher und einen Schmelzer). Diese Alaunsucher dĂŒrften fĂŒr die Einheimischen nicht von den anderen âVenedigernâ zu unterscheiden gewesen sein.
Ein Alchemist namens Georg Meyer erwĂ€hnte 1595 in seiner Schrift Bergkwercks-Geschöpff neben Landfahrern auch fahrende SchĂŒler als GoldwĂ€scher, schrieb ihnen also auch teilweise akademische (womöglich alchemistische) Kenntnisse zu. Neben âdurchsichtigen Sand und Körner zu schönen SchmelzglĂ€sernâ sollen sie auch âTalchâ gesucht haben (wohl eine besondere Art von Ton), aus dem man feuerfeste Schmelztiegel brennen kann, sowie nach Edelsteinen und Perlen.
Die erste Sammlung von Berichten ĂŒber Wahlen erstellte Christian Lehmann bereits im 17. Jahrhundert. Allerdings wurde sie erst 1764 von seinem Enkel herausgegeben. Lehmann wiederholt die negativen Ansichten des Bruschius ĂŒber die Venediger (tatsĂ€chlich macht er sie sogar fĂŒr einen unaufgeklĂ€rten Mord von 1514 in Annaberg verantwortlich) und verdĂ€chtigte sie der TeufelsbĂŒndnerei. Reale Begegnungen mit Walen scheinen zu dieser Zeit aber praktisch schon nicht mehr vorgekommen zu sein, denn Lehmann behauptet, sie seien bereits vor lĂ€ngerer Zeit von der Obrigkeit des Landes verwiesen worden.
In der Bevölkerung blieb die Erinnerung an die Walen aber erhalten, nicht zuletzt wegen der zirkulierenden WalenbĂŒcher. Noch um 1800 traut Friedrich Gottlob Leonhardi den âlandlĂ€ufigen Savoyardenâ, also wohl auslĂ€ndischen Hausierern, in seiner Beschreibung Chursachsens zu, dass sie ihr Gewerbe nur vorschĂŒtzten, wĂ€hrend sie in den WĂ€ldern und FlĂŒssen in Wirklichkeit nach Edelsteinen suchten, die sie in der Heimat schliffen und dann fĂŒr teures Geld wieder nach Deutschland verkauften. TatsĂ€chlich gibt es Hinweise, dass italienische Erzsucher noch bis in die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts die Alpen ĂŒberquert haben. Nachdem aber auch regulĂ€re Bergbaufirmen begonnen hatten Manganerze abzubauen, verloren diese EinzelgĂ€nger ihre Existenzgrundlage.[3]
Es wird aber auch vermutet, dass sich die Bezeichnung âVenedigerâ nicht nur auf die Mineralsucher italienischer Herkunft beschrĂ€nkte. Vielmehr wurden damit auch reiche, im Bergbau tĂ€tige Kaufleute bezeichnet, die zwar nicht aus Venedig, sondern gröĂtenteils aus Deutschland stammten, mit Venedig jedoch regen Handel trieben.[4]
Venetianersagen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Venetianer- oder Venedigersagen gehören zu den Volkssagen und erzĂ€hlen gewöhnlich von der Begegnung von Einheimischen mit Venedigern. Obwohl, oder gerade weil solche Begegnungen tatsĂ€chlich sehr selten gewesen sein dĂŒrften, stellen die Venetianersagen eine wichtige Untergruppe der Bergmannssagen dar und fanden auch bei Sagenforschern gröĂere Beachtung.
Die landfremden Venediger treten in den Sagen meist als EinzelgĂ€nger auf, aber auch in kleinen Gruppen, oft zu dritt, die bei Einheimischen um Quartier bitten oder ihnen zufĂ€llig in den Bergen begegnen. Sie tauchen ĂŒberraschend auf und verschwinden auch schnell wieder, kommen dann aber oft viele Jahre hintereinander zurĂŒck. Auch ihr ĂuĂeres wirkt fremdartig: sie werden als klein und dunkelhaarig geschildert. Oft verbergen sie ihren Reichtum unter Ă€rmlicher Kleidung und durch anspruchslose LebensfĂŒhrung, andernorts sind sie auffallend bunt gekleidet. Besonders untereinander reden sie unverstĂ€ndliches Kauderwelsch. Aus ihrer Heimat bringen sie zuweilen KrĂ€uter oder andere Waren mit, die sie nach Art der Buckelapotheker verkaufen. In Wirklichkeit verstehen sie sich aber vor allem auf das Auffinden (Prospektion) und Schmelzen von Erz sowie auf die Probier- und Scheidekunst, aber eigentliche Bergleute sind sie meist nicht. Obwohl sie anscheinend nur gewöhnliche Kiesel, Sand oder Erde sammeln, und mit kleinen HĂ€mmern auf normalem Stein herumklopfen, ist es fĂŒr jedermann klar, dass es sich dabei in Wirklichkeit um Gold, Silber, Perlen und Edelsteine handeln muss, die die Einheimischen nur nicht als solche erkennen können. Sie werden als kenntnisreich, freundlich und dankbar geschildert, aber auch als verschwiegen und geheimniskrĂ€merisch, manchmal rachsĂŒchtig. All dies lĂ€sst sich gut in Ăbereinstimmung bringen mit dem wenigen, was man ĂŒber die dokumentierten Walen und Venetianer weiĂ.
WĂ€hrend die offiziellen Quellen den Venedigern misstrauen und sie oft mit Dieben und âfahrendem Volkâ in einen Topf werfen (weil sie mutmaĂlich das Bergregal missachten und keine Abgaben auf ihre Funde zahlen), zeigt die Sage eher Bewunderung fĂŒr ihre FĂ€higkeiten. Keineswegs wirft man ihnen vor, dass sie die Quelle ihres Reichtums verheimlichen, ihn gröĂtenteils fĂŒr sich behalten und auĂer Landes bringen. Vielmehr berichten die Sagen bevorzugt von den fĂŒrstlichen Belohnungen fĂŒr hilfreiche Einheimische (und die gelegentliche Bestrafung allzu habgieriger Mitwisser). Die Belohnung findet hierbei oft erst nach der Abreise der Venediger statt, indem sich ihre zunĂ€chst unscheinbaren Hinterlassenschaften am nĂ€chsten Morgen in Kostbarkeiten verwandelt haben, oder die Venediger beschlieĂen, das Geheimnis ihres Reichtums einem Einheimischen zu verraten, nachdem sie fĂŒr sich selbst genug gesammelt haben und nicht mehr wiederzukommen brauchen.
Ein Motiv, das immer wieder abgewandelt wird, ist die Reise eines Einheimischen nach Venedig, wo er wieder auf den Venetianer trifft. Oft kommt er (oder sein Sohn) erst lange Zeit spĂ€ter in die Stadt, entweder zufĂ€llig oder auf eine Einladung des Venetianers hin, oder aufgrund eines von diesem frĂŒher gegebenen Hilfsversprechens. Oder der Einheimische wird wĂ€hrend des Schlafs, durch die Luft im Sturm, durch Tunnel im Gebirge, nach Venedig entrĂŒckt.[5] Dort wird er immer von dem Venetianer zuerst erkannt, der ihn daraufhin in den prĂ€chtigen Palast einlĂ€dt, in dem er nun lebt. Der Besucher erkennt den Venetianer hingegen manchmal erst, nachdem dieser seine alte schĂ€bige Arbeitskleidung angezogen hat. Hierauf eröffnet ihm der Venetianer, dass er diesen ganzen Reichtum in der Heimat des Gastes gewonnen hat. Hatte der Besucher dem Venetianer zuvor geholfen, dann wird er fĂŒrstlich bewirtet und reich beschenkt. Hatte er ihm Schaden zugefĂŒgt oder gar verletzt (und ihn an der verheilten Wunde erkannt), so wird er trotzdem bewirtet, und erstaunlich oft wird ihm seine Untat verziehen, nachdem er ehrliche Reue gezeigt hat. Im Falle der EntrĂŒckung nimmt das paradiesisch schöne Venedig gelegentlich ZĂŒge der Anderwelt an: bei der RĂŒckkehr in die Heimat sind schon viele Jahre oder Jahrhunderte vergangen, wĂ€hrend der Besucher glaubte, nur kurze Zeit dort verbracht zu haben. In den mĂ€rchenhafteren Varianten dieses Motives hat der venezianische Palazzo auch mehr Ăhnlichkeit mit dem Thronsaal eines Zwergenkönigs.
Das Motiv, dass es sich beim âFinderglĂŒckâ um die Belohnung fĂŒr Wohlverhalten handelt, teilen sich Schatz- und Venetianersagen mit den sonstigen Bergmannssagen. Manchmal ĂŒbernehmen die Venediger hier die Rolle, die sonst den Berggeistern oder BergmĂ€nnchen zugeschrieben wird: sie fĂŒhren die Einheimischen zu neuen Fundstellen (lassen das Erz aber auch bei einem begangenen Frevel wieder verschwinden). Ihr eigenes âFinderglĂŒckâ verdanken die Venediger aber keineswegs dem GlĂŒck, sondern ihren eigenen ĂŒberlegenen Kenntnissen.
Zwar gibt es eine kleine, aber konstante ErzĂ€hltradition, dass die Venediger ihre ĂŒbernatĂŒrlichen FĂ€higkeiten direkt vom Teufel erhalten haben (Venedig wird da zur UniversitĂ€tsstadt erklĂ€rt, in der der Leibhaftige selbst Vorlesungen ĂŒber die Kunst des Schatzsuchens hĂ€lt), im Vergleich zu den ĂŒblichen Schatzsagen sind die Venetianer zur Erlangung ihrer Ziele aber kaum auf schwarze Magie angewiesen. Nur selten wird berichtet, dass sie einen Einheimischen nur als Begleiter anheuern, weil der schatzbewachende DĂ€mon fĂŒr jeden Besuch eine Seele fordert, oder Ă€hnliches. Im Gegenteil haben die Venediger selbst Macht ĂŒber die SchatzhĂŒter (schwarze Hunde, Drachen), die ihnen den Weg freigeben mĂŒssen. Sie verfĂŒgen ĂŒber WĂŒnschelruten, Zauberblumen (wie das Johanniskraut), ZauberschlĂŒssel oder BĂŒcher, in denen Zauberformeln stehen, mit denen man schatzgefĂŒllte Höhlen öffnen kann. Den seltsamen Umstand, dass die Einheimischen an den SchĂŒrfstellen der Walen selber nichts offensichtlich Wertvolles entdecken konnten, erklĂ€rt die Sage damit, dass die SchĂ€tze mit einem Zauber belegt wurden, der âdie Berge wieder verschlieĂtâ.
Die markante Eigenschaft der Walen, im FrĂŒhling (unerwartet) aufzutauchen und im Herbst (möglichst heimlich) wieder zu verschwinden, verdichtete die Sage zu einem plötzlichen Erscheinen rund um den Johannistag, dessen Vorabend als besonders gĂŒnstig fĂŒr die Schatzsuche galt. So plötzlich, wie sie erscheinen, können sich die Venediger auch unsichtbar machen, z. B. wenn sie bei ihrem geheimnisvollen Treiben gestört werden. Die âVenediger Mandlnâ können sogar fliegen, z. B. mit der Hilfe von âFlugtĂŒchernâ, die man sich um den Kopf bindet oder unter die FĂŒĂe legt. Ihren âDurchblickâ, der es ihnen ermöglicht, die verborgenen SchĂ€tze in den Bergen zu sehen, erlangen die Venediger z. B. dadurch, dass sie das Fleisch einer weiĂen Schlange verzehren (den âOtterkönigâ), die sie zuvor durch Flötenspiel angelockt haben.[6]
Der in den Sagen hĂ€ufig beschriebene mysteriöse âBerg- oder Schatzspiegelâ der Venediger, der es ihnen ermöglicht sowohl durch die Gesteine zu blicken als auch in groĂe Fernen, wird heute als einfaches, der Bevölkerung aber unbekanntes VergröĂerungsglas oder Goldwaschpfanne interpretiert.[4]
Eine nicht bergmĂ€nnische Variante gibt es im Tirolischen, wo die Venedigermandl nicht nur auf Steinen, sondern manchmal auch nur auf BĂ€umen herumklopfen (den Einheimischen wohl ebenso unverstĂ€ndlich wie das Steinklopfen), sich sonst aber recht Ă€hnlich verhalten. Das wird als Suche nach speziellem Klangholz fĂŒr den oberitalienischen Instrumentenbau interpretiert.
WalenbĂŒcher und Walenzeichen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Ursprung der sogenannten WalenbĂŒcher liegt wahrscheinlich in realen NotizbĂŒchern, in denen Erzsucher die ihnen bekannten Fundstellen und Wegemarken aufzeichneten. So ist ein schwer zu deutendes Heftchen bekannt, das um 1430 entstanden sein könnte, und spĂ€ter einem âAntonius Wahleâ aus Krakau oder Breslau zugeschrieben wurde. Allerdings wurden die Angaben bald maĂlos ĂŒbertrieben und schlieĂlich frei erfunden, weil das Ziel der Abschreiber nicht mehr die Sicherung privater Informationen war, sondern bestenfalls Prahlerei mit geheimen Kenntnissen, wahrscheinlich aber nur der Verkauf der Abschriften an LeichtglĂ€ubige. Ein steirisches WalenbĂŒchlein von nur 16 Seiten Umfang fĂŒhrt z. B. 134 Fundweisungen auf. Dabei sind in der Steiermark immerhin noch etwa die HĂ€lfte der Ortsangaben korrekt, die angeblichen Erzgehalte jedoch phantastisch hoch. In Oberösterreich stimmen dann nicht einmal mehr die Ortsangaben. Eingeleitet wird das BĂŒchlein mit astrologischen Anweisungen zur Wahl der âGlĂŒckstageâ, an denen das SchĂŒrfen besonders erfolgversprechend sein soll.
Die etwa 18 oder 19 bekannten WalenbĂŒcher stammen gröĂtenteils aus dem 17. und 18. Jahrhundert und sind meist handschriftlich verfasst. Bezeichnenderweise ist keines von ihnen in italienischer Sprache erhalten (wie man eigentlich erwarten sollte), sondern ausschlieĂlich in Deutsch. Zuweilen behaupten die Verfasser, sie hĂ€tten ihre Kenntnisse von Walen erhalten. Aber selbst wenn Namen von GewĂ€hrsleuten genannt werden, so finden sich nie âwelscheâ darunter. Die WalenbĂŒcher fĂŒhrten ihre leichtglĂ€ubigen KĂ€ufer auch keineswegs zu versteckten SchĂ€tzen (höchstens zu farblich auffĂ€lligen Gesteinsformationen, oder sterilen Mineralisationen), sondern nur auf eine beliebige Wiese oder zu einem beliebigen Bach oder Brunnen (wenn ihre Angaben ĂŒberhaupt verstĂ€ndlich waren). Obwohl ihre Angaben leicht widerlegt werden konnten, trugen die WalenbĂŒcher dazu bei, dass noch bis Ende des 18. Jahrhunderts an die Existenz von Walen und Venetianern geglaubt wurde, die mit SchĂ€tzen beladen aus Deutschland in ihre ferne Heimat zurĂŒckkehrten. Wahrscheinlich wurden die zahlreichen âKuxgĂ€ngerâ, die den Angaben der WalenbĂŒcher folgten, von den Anwohnern selbst fĂŒr Walen gehalten: ein selbstverstĂ€rkender Prozess.
Da es sich bei solchen reinen AufzĂ€hlungen von Wegbeschreibungen und âFundberichtenâ um recht trockene LektĂŒre handelt, wurden die Texte mit möglichst umstĂ€ndlichen oder gar bedrohlichen Formulierungen verrĂ€tselt, sowie mit der Verwendung von alchimistischen Symbolen, wie dem Sonnensymbol fĂŒr Gold, dem Mondsymbol fĂŒr Silber, ein auf der Spitze stehendes Dreieck fĂŒr Wasser etc. Die Wege und Fundstellen sollen dann oft mit geheimnisvollen Zeichen markiert gewesen sein, den sogenannten Walenzeichen. Die Texte beschreiben dann oft recht vergĂ€ngliche Wegmarken: BaumstĂŒmpfe, abgesĂ€gte Astgabeln oder seltsam gewachsene BĂ€ume; in die Baumrinde geschnittene HĂ€nde, Kreuze, oder einfache alchemistische Symbole. Als in Stein gehauene Walenzeichen werden besonders im Harz gerne Mönche angegeben, die entweder mit dem Arm in eine bestimmte Richtung weisen, oder eine Keilhaue auf dem RĂŒcken tragen, gelegentlich auch die Figur eines Bischofs. Die Abbildungen von angeblichen Walenzeichen in den BĂŒchern sind allerdings viel komplexer: Sie reichen von pseudo-alchemistischen und christlichen Symbolen, ĂŒber Tierdarstellungen und an LageplĂ€ne erinnernde Skizzen, bis hin zu scheinbaren Texten in Geheimschriften. Die SchĂ€tze sollen dann oft recht nachlĂ€ssig verborgen unter Steinhaufen oder dicken Moospolstern liegen, aber auch unter Holzbohlen oder in kellerartigen Höhlen mit eingehauenen Stufen etc.[7]
- Bei einer solchen Hand liegt gut Waschwerk von Erz.
- Bei diesem Zeichen sind Walengruben, gediegen [Gold] und ist Seifengut.
- Bei diesem Zeichen liegen ĂŒberall viel Goldkörner.
- Bei diesem Zeichen findest du gelben Zirill.
- Dies zeigt einen Berg da [Gold] genug innen.
- Bei einem solchen Zeichen findest du Marcasit.
- Dieses Zeichen wurde 1899 in Wittigsthal (Erzgebirge) gefunden. BergmÀnnisch lÀsst sich die Inschrift nicht deuten.
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Christian Gottlieb Lehmann: Nachricht von Wahlen. Frankfurt/Leipzig 1764 (Digitalisat).
- Friedrich Wrubel: Sammlung bergmÀnnischer Sagen. 1883 Digitalisat.
- Heinrich Schurtz: Der Seifenbergbau im Erzgebirge und die Walensagen. Stuttgart 1890 (Digitalisat).
- Robert Cogho: Die Walen oder Venediger im Riesengebirge. 1898 (E-Text).
- Leo Winter: Die deutsche Schatzsage. Köln 1925.
- Rudolf Schramm & Helmut Wilsdorf: Venetianersagen von geheimnisvollen Schatzsuchern. Leipzig: VEB Deutscher Verlag fĂŒr Grundstoffindustrie, 1. Aufl. 1986, 2. Aufl. 1987, 3. Aufl. 1990.
- Kay Meister: Seltsame SchatzrĂ€uber in den WĂ€ldern des Erzgebirges. In: Erzgebirgische HeimatblĂ€tter 43 (2021), Heft 3, S. 10â13. ISSN 0232-6078
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â http://codex.isgv.de/codex.php?band=cds2_13&f=&a=b&s=024.
- â Lazarus Ercker: Beschreibung aller fĂŒrnehmisten (hauptsĂ€chlichen) Erzt- und Bergkwercksarten; Prag 1574 (Nachdruck Frankfurt a.M.).
- â Helmut Wilsdorf: EinfĂŒhrung in die Bergmannssagen âvon den Venedigernâ, in: Rudolf Schramm & Helmut Wilsdorf: Venetianersagen von geheimnisvollen Schatzsuchern. Leipzig: VEB Deutscher Verlag fĂŒr Grundstoffindustrie, 1. Aufl. 1986, 2. Aufl. 1987, 3. Aufl. 1990, S. 217â255.
- 1 2 Eva-Maria Pyrker: Der Bergname Venediger und die Sagen von den Venedigermandln: Ein Versuch zu ihrer historischen ErklĂ€rung, in: Wolfgang Meid (Hg.), Studien zur Namenkunde und Sprachgeographie: Festschrift fĂŒr Karl Finsterwalder zum 70. Geburtstag, (= Innsbrucker BeitrĂ€ge zur Kulturwissenschaft, Band 16), Innsbruck, 1971, S. 215â226
- â Siehe zum Beispiel Ludwig Bechstein: Der Venetianer. In: ThĂŒringer Sagenbuch. Zweiter Band, Nr. 206. C. A. Hartlebens Verlags-Expedition, Wien, Leipzig 1858, S. 79 f. (wikisource.org).
- â Siehe zum Beispiel Ludwig Bechstein: Der Schlangenkoch. In: ThĂŒringer Sagenbuch. Erster Band, Nr. 124. C. A. Hartlebens Verlags-Expedition, Wien / Leipzig 1858, S. 233 ff. (wikisource.org).
- â Rudolf Schramm & Helmut Wilsdorf: Fundweisungen in WalenbĂŒchern.; in: Rudolf Schramm & Helmut Wilsdorf: Venetianersagen von geheimnisvollen Schatzsuchern. Leipzig: VEB Deutscher Verlag fĂŒr Grundstoffindustrie, 1. Aufl. 1986, 2. Aufl. 1987, 3. Aufl. 1990, S. 257â278. Siehe auch Ludwig Bechstein: Walenkunde. In: ThĂŒringer Sagenbuch. Zweiter Band, Nr. 155. C. A. Hartlebens Verlags-Expedition, Wien / Leipzig 1858, S. 8 f. (wikisource.org).