Foren-Knigge

Ad ignorantiam: Unwissenheit ersetzt Beweise

Community
28.05.2024 15:00
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Argumentative FehlschlĂŒsse gibt es viele. Einige davon haben wir Ihnen bereits vorgestellt. Heute möchten wir diese Liste mit dem Argument der Ignoranz – oder auch des Nichtwissens – erweitern. Dabei wird versucht, eine Behauptung einfach nur deshalb als wahr darzustellen, weil sie nicht widerlegt werden kann. Das mag auf den ersten Blick womöglich logisch wirken, ist in Wahrheit aber problematisch. 

Unbewiesenes als Fakt
Nicht nur in Glaubensfragen oder in Bezug auf Verschwörungsmythen spielt das Argument, „das an das Nichtwissen appelliert“ eine wichtige Rolle. Denn die Aussage, dass etwas stimmt, weil das Gegenteil nicht bewiesen werden kann, kann jede noch so sachliche Diskussion im Keim ersticken. Da oft ein Gegenbeweis gar nicht möglich ist, ist ein GesprĂ€ch damit rasch beendet. Ein gefinkelter Schachzug des so Argumentierenden; so wird gleichzeitig auch die Beweislast fĂŒr das Argument auf das GegenĂŒber abgewĂ€lzt. Dabei sollte grundsĂ€tzlich immer die Person, die eine These aufstellt, diese auch beweisen mĂŒssen.

Besonders bekannt ist diesbezĂŒglich die Wette des amerikanischen Kreationisten Kent Hovind, der gemĂ€ĂŸ seinem Glauben von der biblischen Schöpfungsgeschichte ĂŒberzeugt ist. Er verkĂŒndete, fĂŒr einen Beweis dafĂŒr, dass Gott nicht fĂŒr die Entstehung des Lebens auf der Erde verantwortlich ist, 250.000 Dollar zu zahlen. ÜberflĂŒssig zu erwĂ€hnen, dass bis jetzt niemand diese Summe ausgezahlt bekommen hat, da es schlichtweg nicht möglich ist, solch eine Aussage zu widerlegen.

Hier zeigt sich die Problematik dieser scheinbaren Argumentation: Nur weil eine These nicht widerlegbar ist, ist sie nicht automatisch wahr. Das gilt auch umgekehrt; eine These muss nicht deshalb falsch sein, weil sie bisher nicht bewiesen werden konnte. Entscheidend dafĂŒr sind nĂ€mlich allein Sachargumente und tatsĂ€chliche Beweise. Die mangelnde Vorstellungskraft einer Person oder ihr fehlendes Wissen dĂŒrfen ergo nicht so gewichtet werden, dass sie ausreichen, um etwas als wahr oder falsch zu behaupten. Das wird auch dadurch ersichtlich, dass vieles, das wir heute als wahr akzeptieren, einmal unbewiesen war, Stichwort Evolution. 

„Blinde Flecken“ durch Unwissenheit

  • Bewertungsfehler von Beweisen: GrundsĂ€tzlich ist es immer wichtig, seine Argumentationslinie auf beweisbaren Aussagen aufzubauen und nicht einfach nur den Spieß umzudrehen. Nur weil es zu diesem Zeitpunkt keine Beweise gegen eine Behauptung gibt, bedeutet das nicht automatisch, dass die Behauptung wahr ist. Vielmehr könnte es auch einfach der Fall sein, dass die Forschung zu diesem Thema noch im Gange ist oder dass entsprechende Beweise schwer zu finden sind.
  • Falsche Grundannahme: Das Argument der Ignoranz basiert, wie wir festgestellt haben, auf der Annahme, dass das, was nicht bewiesen werden kann, falsch ist. Doch genau das ist ein Trugschluss, wie man auch am oben erwĂ€hnten Beispiel erkennen kann. Nur weil wir etwas nicht definitiv wissen, bedeutet das nicht, dass es nicht existiert oder nicht wahr ist.
  • IrrefĂŒhrende Schlussfolgerungen: Eine solche Argumentation kann dementsprechend auch zu falschen Schlussfolgerungen fĂŒhren. Sehen wir eine Behauptung lediglich aufgrund des Fehlens von Beweisen gegen sie als wahr an, können wir leicht getĂ€uscht werden.
  • Behinderung des Fortschritts: WĂŒrde man sich immer nach dem Argumentum ad ignorantiam richten, wĂŒrde sĂ€mtlicher wissenschaftlicher und intellektueller Fortschritt ins Hintertreffen geraten. Man wĂŒrde dann aufhören, nach Beweisen oder Antworten zu suchen und dadurch wichtige Entdeckungen verpassen. 

So vermeiden Sie das Argumentum ad ignorantiam
Die Formel fĂŒr diesen argumentativen Fehlschluss lautet also: „Wir wissen nicht, dass X falsch ist, also muss X wahr sein“. Sich von dieser vermeintlichen Logik nicht tĂ€uschen zu lassen, erfordert kritisches Denken und eine differenzierte Betrachtung von Beweisen. Die folgenden Punkte können dabei hilfreich sein.

  • Suchen Sie stichhaltige Beweise: Immer wichtig: Bevor Sie eine Behauptung akzeptieren, suchen Sie nach soliden Beweisen, die sie untermauern. Wenn es keine Beweise gibt, bleiben Sie kritisch. 
  • BerĂŒcksichtigen Sie Gegenbeweise: Selbst, wenn es keine Beweise gibt, die dezidiert gegen eine Behauptung sprechen, bedeutet das nicht, dass die Behauptung wahr ist. Es könnte einfach bedeuten, dass die Gegenbeweise generell schwer zu finden sind oder noch nicht gefunden wurden.

  • Denken Sie logisch: Nutzen Sie bei der Bewertung einer Behauptung Ihren logischen Verstand. Wenn eine These lediglich auf der Annahme basiert, dass sie wahr ist, weil sie nicht widerlegt wurde, handelt es sich höchstwahrscheinlich um ein Argumentum ad ignorantiam.

  • Bleiben Sie offen: Unser Wissen ist begrenzt und es kann immer zu neuen Entdeckungen und Erkenntnissen kommen. Halten Sie sich das vor Augen und bewahren Sie sich eine gewisse Offenheit. 

  • Informieren Sie sich ĂŒber Quellen: Lenken Sie Ihr Augenmerk auch auf die GlaubwĂŒrdigkeit der Quellen, die eine Behauptung unterstĂŒtzen. Nicht alle Quellen sind gleich zuverlĂ€ssig und in Zeiten von Fake News und Co. kursieren viele irrefĂŒhrende oder falsche Informationen. 

Gerade in sozialen Netzwerken, Foren und Kommentarspalten ist das Argumentum ad ignorantiam weit verbreitet. Oftmals wird von Kommentierenden behauptet, dass ihre Ansichten wahr sind, einfach weil niemand sie (bisher) widerlegt hat. Das kann zu MissverstĂ€ndnissen und Fehlinformationen fĂŒhren, insbesondere bei kontroversen Aussagen. Deshalb ist es umso wichtiger, das Argument der Ignoranz zu erkennen und dagegenzuhalten. So können wir sicherstellen, dass wir einen sachbezogenen und sinnvollen Diskurs fĂŒhren. 

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