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Der RĂ€uber

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Der RĂ€uber ist ein Roman von Robert Walser, der im Juli und August 1925 in Bern entstand, jedoch erst 1972 (posthum) von Jochen Greven herausgegeben wurde.

Der Entwurf dieses Romans zĂ€hlt zu den sogenannten Mikrogrammen, die Robert Walser mit einem Bleistift in einer Miniaturschrift verfasste, welche eine mikroskopische Verkleinerung der deutschen Kurrentschrift darstellte; so hatte der gesamte Entwurf des „RĂ€uber“-Romans Platz auf 24 Manuskriptseiten (zum Vergleich: Die Suhrkamp-Ausgabe umfasst 191 Druckseiten). Aufgrund der schweren Leserlichkeit wurde Walsers Miniaturschrift hĂ€ufig fĂ€lschlicherweise als „Geheimschrift“ bezeichnet. Eine erste Transkription des „RĂ€uber“-Manuskripts wurde von Jochen Greven unter Mitarbeit von Martin JĂŒrgens, eine Revision von Bernhard Echte und Werner Morlang vorgenommen. In der Literaturwissenschaft herrscht die Auffassung vor, dass der Roman von Robert Walser niemals zur Veröffentlichung bestimmt gewesen sei. Das Manuskript trug auch keinen Titel.

Der „RĂ€uber“ ist ein Bohemien, MĂŒĂŸiggĂ€nger und mittelloser Schriftsteller, der von der Gesellschaft aufgrund seiner UnfĂ€higkeit und seines Unwillens, sich einzufĂŒgen, ausgegrenzt und belĂ€chelt wird und der „vielleicht froh wĂ€re, wenn irgend jemand an sein RĂ€ubertum geglaubt hĂ€tte“.[1] Der ErzĂ€hler des Romans scheint ein vom RĂ€uber beauftragter Autor zu sein; er soll dessen Geschichte niederschreiben, die eigentlich schnell erzĂ€hlt wĂ€re: Der RĂ€uber hat eine Zeitlang im Ausland gelebt, musste jedoch nach Bern zurĂŒckkehren, nachdem er sich die Zuwendungen seines MĂ€zens verscherzt hatte; in Bern, zum Teil von seiner Wirtin ausgehalten, zum Teil gelegentliche BĂŒroarbeiten ausfĂŒhrend, lebt er in den Tag hinein und hat zahlreiche Begegnungen, vor allen Dingen mit Frauen, wobei es jedoch immer bei einer eher flĂŒchtigen AnnĂ€herung bleibt. Er verliebt sich zunĂ€chst in ein bĂŒrgerliches MĂ€dchen namens Wanda, dann in eine Saaltochter (Kellnerin) namens Edith. Als der RĂ€uber in einer Kirche einen öffentlichen Vortrag ĂŒber die Liebe halten soll und dabei Edith durch seine AusfĂŒhrungen demĂŒtigt, wird er von ihr angeschossen, ĂŒberlebt jedoch die Verletzung.

Diese eher spĂ€rliche Handlung ist jedoch nur ein GerĂŒst fĂŒr zahllose Abschweifungen und, vor allen Dingen, fĂŒr den hier dargestellten ErzĂ€hlprozess, der das eigentliche Thema des Romans ist.

Bei dem Text handelt es sich um die Darstellung eines (wenn auch in 35 Textsegmente gegliederten) fortlaufenden Schreibprozesses, im Sinne eines ErzĂ€hlprozesses, der als solcher selbstreferentiell thematisiert wird und chronologisch ablĂ€uft, wĂ€hrend der ErzĂ€hler auf die Ereignisse, ĂŒber die er berichtet, frei und scheinbar ungeordnet oder seiner eigenen Ordnung folgend zugreift.

Der Text beginnt mit den SĂ€tzen „Edith liebt ihn. Hiervon nachher mehr“ (7), womit eine wichtige Strukturierungsebene, nĂ€mlich ein Geflecht aus Vorverweisen und VerrĂ€tselungen, gleich zu Anfang eingefĂŒhrt wird. Dieses Geflecht spielt mit den Erwartungen des Lesers, stellt ein An-der-Nase-HerumfĂŒhren dar: Manche der Vorverweise bleiben uneingelöst, andere beziehen sich auf Ereignisse, die fĂŒr den Fortgang des Geschehens (das ohnehin keine wichtige Rolle spielt) völlig irrelevant sind oder nicht in dem Zusammenhang miteinander stehen, der impliziert wurde. „Doch nun mit Verlaub von einem DienstmĂ€dchen und einem Kniekuss und einem Buch, das in einem Chalet abgegeben wurde“ (24), heißt es beispielsweise – es erweist sich dann aber, dass die Episoden gar nichts miteinander zu tun haben: „Er fragte den Knaben: 'Darf ich dein DienstmĂ€dchen sein? Das wĂ€re sĂŒĂŸ fĂŒr mich.' (
), und nun kĂŒsste dies rĂ€uberische DienstmĂ€dchen dem Knaben die Knie. (
) Mit dem Abgeben des Buches war es so: Dem RĂ€uber war ein Buch geliehen worden von einer Dame mit weißem Haar, die innerlich sehr jugendlich fĂŒhlte.“ (27)

Neben dem Verwirrspiel hat das Verweisgeflecht auch die Funktion, den Vorgang des ErzĂ€hlens und des Strukturierens eines zu behandelnden Stoffes sichtbar zu machen – der ErzĂ€hler erinnert sich quasi selbst stĂ€ndig daran, was noch abzuhandeln sein wird – und gleichzeitig ein geordnetes ErzĂ€hlen, wie es in Romanen des neunzehnten Jahrhunderts stattfindet, zu persiflieren. Eine Erwartung des Lesers, eine geordnete Geschichte vorzufinden, wird unterstellt; der ErzĂ€hler triumphiert, wenn er dieser Erwartung – rein formal – entsprochen hat: „Und nun habe ich ja mein Versprechen eingelöst. Ich versprach ein GesprĂ€ch der Amouren des RĂ€ubers. Viele halten uns fĂŒr vergesslich. Aber wir denken an alles.“ (120) Die Forderung nach einem kohĂ€renten ErzĂ€hlen mit aufeinander bezogenen Handlungselementen wird persifliert, indem der ErzĂ€hler vorgibt, genau dies zum Ziel zu haben: „Genfergasse und Portugal, wie bringe ich diese Auseinandergelegenheiten in Zusammenhang? Vor was fĂŒr Schwierigkeiten ich mich da stelle.“ (29) Im ErzĂ€hlfluss werden erzĂ€hldramaturgische Kniffe explizit gemacht und damit travestiert: „Wir wollen alles das im Interesse verhaltener Interessantheit aufsparen.“ (46 f)

StĂ€ndige Abschweifungen sind formales wie inhaltliches Prinzip des Romans; dabei wird, unter anderem durch das Verweisgeflecht, oft ein Zusammenhang behauptet: „Und jetzt komme ich also aufs Handarbeiten zu reden und sage folgendes. Bei Schriftstellern bedeutet Reden eine Arbeit, aber bei Handarbeitern ist Reden eine Schwatzhaftigkeit, folglich ein Versuch zu feiern“ (85). Manchmal finden die Abschweifungen allerdings auch statt, ohne dass eine Anbindung ersichtlich wĂ€re, als einfache GedankensprĂŒnge: „Zu Mittag gab es gewöhnlich Spaghetti, ach ja, und er aß sie immer wieder herzlich gern. Wie eigentĂŒmlich ihm das manchmal vorkam, daß er sie nie mĂŒde wurde, schmackhaft zu finden. Gestern schnitt ich mir eine Gerte ab.“ (11)

Der ErzĂ€hler nimmt sich die Freiheit, seine eigene Geschichte mit der des RĂ€ubers zu vermischen, und ruft sich dann selbst wieder zur Ordnung: „Armer RĂ€uber, ich vernachlĂ€ssige dich ja ganz.“ (15) Von der Geschichte ausgehend gelangt er auch zu einer FĂŒlle allgemeiner Sentenzen: „Liebende sind dumm und zugleich durchtrieben, aber uns scheint das unstatthaft gesprochen.“ (32) Solch ein ZurĂŒcknehmen und Sich-EinschrĂ€nken des ErzĂ€hlers ist programmatisch und entspringt dem kontinuierlichen Schreibfluss. Impulse und Momentanregungen, die sich aus dem ErzĂ€hlfluss heraus ergeben, werden aufgegriffen, als Textmotor gebraucht; der ErzĂ€hler kommentiert sich selbst, seine SchachzĂŒge im ErzĂ€hlfluss: „Und nun sage ich Ihnen da etwas Pittoreskes“ (58) oder: „Einmal hat er in jenem anderen SĂ€lchen ein Huhn verspeist und dazu Dole getrunken. Wir sagen das nur, weil uns im Moment nichts Erhebliches einfĂ€llt. Eine Feder redet lieber etwas Unstatthaftes, als dass sie auch nur einen Moment lang ausruht.“ (77) An einer Stelle formuliert er explizit, es mĂŒsse „eben ein Impulsives ins Schreiben hineinkommen“ (77), was man als poetologisches Konzept des Romans begreifen kann.

Es schwankt, inwieweit der ErzĂ€hler bei alldem die ZĂŒgel in der Hand behĂ€lt. Manchmal spricht der ErzĂ€hler, als habe er sich an den objektiven Gegebenheiten der Welt, von der er berichtet, zu orientieren und ihnen gerecht zu werden; an anderen Stellen behandelt er den RĂ€uber jedoch als literarische Figur, ĂŒber die er nach eigenem GutdĂŒnken verfĂŒgen kann: „Und nachher muss mir der RĂ€uber endlich mal zu einem Arzt. Das kann ich unmöglich lĂ€nger mitansehen, wie er sich jeder PrĂŒfung entzieht. Finde ich keine passende Partie fĂŒr ihn, so muss er mir wieder ins BĂŒro.“ (88) Neben solchen Demonstrationen auktorialer Freiheit stehen Unsicherheiten in Bezug auf das zu ErzĂ€hlende: „(
) oder war ihr etwa der Verlobte gestorben? Wir wissen es nicht und sollen es auch nicht wissen und wĂŒnschen es auch nicht“ (174). Im ErzĂ€hlprozess wird die Wechselwirkung zwischen der Außenwelt, aus der der ErzĂ€hler seine EindrĂŒcke bezieht, und seinen eigenen, willkĂŒrlichen Entscheidungen aufgezeigt. Da der ErzĂ€hler auch Unwahrheiten eingesteht („Unsere obige Anspielung auf die Zartheit, womit er im Klavierspiel unterricht worden sei, ist vielleicht einer Laune entsprungen und entbehrt der Wahrscheinlichkeit“ (29)), verschwimmen die BezĂŒge; UnwĂ€gbarkeiten können sowohl in der Außenwelt als auch im ErzĂ€hlvorgang selbst liegen. Es wird darauf verwiesen, dass der Text lediglich ein Netz oder Koordinatensystem darstellt, mit vielen Leerstellen, ĂŒber die der Autor nicht Bescheid wissen kann. Und auch dies wird persifliert, indem der ErzĂ€hler betont, nebensĂ€chliche Details nicht zu kennen: „(
) und nun lĂ€chelte sie ihm eines Abends, ich weiß nicht bestimmt, um wieviel Uhr, sirenenhaft zu.“ (130)

In der zweiten HĂ€lfte des Buches wird der ErzĂ€hlfluss zunehmend durch lĂ€ngere EinschĂŒbe unterbrochen, bei denen es sich um Monologe der Figuren bzw. lange, ĂŒbersteigerte Figurenrede handelt, aber auch um einen anonymen Brief und den öffentlichen Vortrag des RĂ€ubers in einer Kirche. Diese EinschĂŒbe zeigen jedoch kein figurencharakteristisches Sprechen, sondern sind, Ă€hnlich wie die ErzĂ€hlerrede, eher im Sinne einer Impulsfolge strukturiert: „Haben Sie kein GedĂ€chtnis fĂŒr das, was die Offiziere im Krieg Unmögliches leisteten? Indem Sie ihr Möglichstes taten, verrichteten sie das Menschenunmögliche und aßen vermutlich ihren Untergebenen nicht so sehr das Brot auf, als dass sie das Brot, das sie den Soldaten verpflichtet waren, zu geben, an Schieber verkauften, um dafĂŒr Champagner zu bekommen (
). Doch was sage ich da in der vollendeten Zerstreutheit?“ (156)

Viele sprachliche Register werden gezogen – salopper Tonfall, Ironie, kalauernde Wortspielereien, Parodien auf gehobenen Tonfall. Da der Text in Form eines kontinuierlichen ErzĂ€hlstromes geschrieben ist, gehen diese unterschiedlichen TonfĂ€lle ineinander ĂŒber. HĂ€ufig wird mit formalen Analogien, mit GleichklĂ€ngen, Reimen, Assoziationen gespielt: „Der Sexuelle oder Intellektuelle hatte ihn aufgeweckt“ (138), „Wir unterließen nicht, ihn zu rĂŒgen. Du kennst ja ĂŒbrigens allem Anschein nach die in der Ostsee gelegene Insel RĂŒgen nicht“ (75), „Holdheiten und Goldheiten“ (188). Thomas Bolli weist in seiner Arbeit „Inszeniertes ErzĂ€hlen“ (Bern 1991) darauf hin, dass die hohe sprachliche KohĂ€sion des Textes mit einer InkohĂ€renz des Berichteten einhergehe – oft finden Überleitungen spielerisch auf formal-sprachlicher Ebene statt, wobei gewagte Gedanken- und ThemensprĂŒnge vollzogen werden.

Der Text ist durchzogen von Tautologien, wie zum Beispiel „geeigneten Platzes und Ortes“ (66), und Synonymbildungen; der RĂ€uber etwa wird als „unser Kenner der Umgebung von Pontarlier“ (10), „unser oft und viel Französisch Lesender“ (11), „unser Petrukio“ (12), „der Liebhaber von SchokoladenstĂ€ngeli“ (18) etc. bezeichnet. Typisch sind auch sperrige neologistische Komposita wie „der Weniginbetrachtfallende“ (23) und gewollte UmstĂ€ndlichkeiten und Plumpheiten in Wortwahl wie Satzbau: „keine Attacken auf Damen und andere BegehrenswĂŒrdigkeiten“ (60), „Also mit der Pistolenkugel der Liebe zu diesem MĂ€dchen mit den Goldaugen in der Brust entfernte sich der seelengute RĂ€uber immer mehr von der Stadt“ (89).

Beschreibungen scheinen hĂ€ufig eher der Lust am Sprachfluss zu entspringen, als sich wirklich auf das Beschriebene zu beziehen: „Die Haut war warm und kalt, trocken abgerieben und feucht zugleich.“ (53) Walser lĂ€sst seine Stilmittel kollidieren, etwa wenn er, wie hier, Verniedlichung und Übertreibung aufeinandertreffen lĂ€sst: „Die HerablĂ€chelei [zweier Herren auf den RĂ€uber] glich einem Springbrunnen, der des RĂ€ubers NĂ€schen tĂŒchtig nass machte. Doch starb er zum GlĂŒck nicht an der Benetzung.“ (24) Attribute und Verben werden hĂ€ufig auf etwas bezogen, zu dem sie nicht zu passen scheinen, so ist etwa die Rede vom „Tragen und Mitschleppen des Titels Dame“ (153).

Charakteristisch ist eine Unangemessenheit der Sprache zum ErzĂ€hlgegenstand – durch Banalisierung („Da brach auch noch der Weltkrieg aus, und die Pension fing bald an, sich AuslĂ€ndern bekannt zu machen“ (128)) wie durch umstĂ€ndliche Umschreibungen einfacher GegenstĂ€nde oder Sachverhalte (wenn etwa von „witfraulichen GebrauchsgegenstĂ€nden“ (23) die Rede, ein Löffel gemeint ist) oder durch eine Beschreibung alltĂ€glicher Handlungen in gehobenem Ton: „Der RĂ€uber war mit LampenanzĂŒnden beschĂ€ftigt und stand zu diesem Behuf auf einem Stuhl“ (77). Auch lyrisches Pathos wird parodiert: „Sie schwieg und bekam dabei etwas, das auf einer Frauenfigur von DĂŒrer schwebt, so etwas Nachtvogelhaftscheues, in der Finsternis die Meere Überfliegendes, etwas in sich hinab Wimmerndes.“ (40) In der Wahl „unpassender“ Sprache kann man eine bestimmte Haltung zur Welt ausgedrĂŒckt sehen: Eine UnfĂ€higkeit, die passenden gesellschaftlichen Codes zu wĂ€hlen, die einhergeht mit einem GespĂŒr fĂŒr das LĂ€cherliche gesellschaftlicher Codes schlechthin.

Bedeutung der Bezeichnung „RĂ€uber“

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Die Benennung „RĂ€uber“ verweist auf eine EinschĂ€tzung des BĂŒrgertums, das den mittellosen KĂŒnstler als Nutznießer aburteilt, und bringt zugleich eine SelbsteinschĂ€tzung des Schriftstellers zum Ausdruck, der sich als RĂ€uber etwa von „LandschaftseindrĂŒcken“ (32) und „Neigungen“ (32) sieht. Auch hier wird wieder eine gewisse Unangemessenheit der Sprache zum ausgedrĂŒckten Sachverhalt spĂŒrbar.

DarĂŒber hinaus lassen sich BezĂŒge zur literatur- und kunstgeschichtlichen RĂ€uber-Motivik herstellen, etwa zu einer Romantisierung der RĂ€uberrolle. In KurzprosastĂŒcken verweist Walser teilweise explizit auf Schillers „RĂ€uber“. Ebenso wird auf Christian August Vulpius’ Roman Rinaldo Rinaldini, der RĂ€uberhauptmann verwiesen.

Das VerhÀltnis zwischen ErzÀhler und Figur

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Der RĂ€uber erscheint manchmal als alter ego des ErzĂ€hlers: „Ich muss immer acht geben, dass ich mich nicht mit ihm verwechsle“ (87), „Wo sah ich das? Vielmehr, wo hat das der RĂ€uber gesehen?“ (93), wobei literaturwissenschaftliche Auswertungen des Manuskripts ergeben haben, dass Walser hier tatsĂ€chliche Verschreiber aufgegriffen und damit sehr konsequent der Forderung, es mĂŒsse „etwas Impulsives ins Schreiben hineinkommen“ (77), gehorcht hat. Es lassen sich auch wichtige Parallelen zwischen dem RĂ€uber und dem ErzĂ€hler ziehen – beide sind Schriftsteller, beide sehen sich mit gesellschaftlicher Ächtung konfrontiert, beide zeigen eine gewisse Unangemessenheit in ihrem Verhalten: „Schade, daß ich jetzt ĂŒbrigens nie mehr wieder ins BĂŒffet II. Klasse treten darf, wo ich mich dadurch unmöglich gemacht habe, daß ich dem Oberkellner meinen Strohhut zum AufhĂ€ngen ĂŒbergab, eine WeltmĂ€nnischkeit, von welcher der ganze Saal mißbilligend Notiz nahm“ (20 f), heißt es beispielsweise ĂŒber den ErzĂ€hler; ĂŒber den RĂ€uber hingegen: „Einmal, so auf der Straße, als ihn ein Herr von gutem Aussehen so mir nichts dir nichts angĂ€hnte, warf er ihm den Zigarettenrest in dieses offene GĂ€hnloch hinein. (
) Man kann diese Handlungsweise betiteln: des RĂ€ubers Rache. GlĂŒcklicherweise war sie von niedlicher Art.“ (61 f)

An anderen Stellen findet eine explizite Abgrenzung statt, die zum Teil Persiflage ist: „Ich bin ich, und er ist er. Ich habe Geld, und er hat keines. Darin besteht der große Unterschied.“ (190) Der RĂ€uber wird mitunter als Rivale betrachtet, der dem ErzĂ€hler im Text die Show stiehlt: „Plötzlich steht wieder dieser dumme RĂ€uber da, und ich verschwinde neben ihm.“ (93)

Auch hier lĂ€sst sich, wie in der Form des ErzĂ€hlprozesses, eine Spiegelung des VerhĂ€ltnisses zwischen Autor und ErzĂ€hlstoff erkennen, bzw. eine Parodie hierauf: WĂ€hrend der Autor zum einen darauf besteht, nicht mit seinen Figuren in eins gesetzt zu werden, möchte er zum anderen eigene Ansichten und Beobachtungen einfließen lassen und seine Weltsicht in seinem Werk zum Ausdruck bringen.

Die Unangepasstheit in der Devotheit

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Ein Motiv, das in Walsers Werk hĂ€ufig, am ausfĂŒhrlichsten im Jakob von Gunten, behandelt wird, ist das der Unterordnung, die jedoch, da sie freiwillig geschieht und vom sich Unterordnenden als solche erkannt und lustvoll ausgekostet wird, etwas gesellschaftlich Subversives bekommt. Ganz besonders das VerhĂ€ltnis des RĂ€ubers zu Frauen ist durch eine solche bewusste Devotheit gekennzeichnet: Beispielsweise „leckte er, indem er dachte, er sei ihr Page, dies Löffelchen der Witwe ab“ (21), und hat damit „also eine stattliche Leistung auf erotischem Gebiet zustande gebracht, er, der sonst in diesem Fach stets schwach oder doch ungenĂŒgend geblieben war“ (22). Und einmal „stellte sich der RĂ€uber so vor, wie er in einem Auftrag, den ihm Edith gegeben habe, springe und springe und wie er zusammenbrĂ€che, und wie sie's sĂ€he und nur so ein ganz klein wenig deswegen besorgt lĂ€chle, und er fand dies zum Bezaubern“ (134 f). Durch das bewusste Auskosten der Devotheit behĂ€lt der Devote letztlich die ZĂŒgel in der Hand und kann das VerhĂ€ltnis jederzeit umkehren; dies entspricht einem Prinzip der zyklischen Bewegung, bei dem jede Regung, um Ausgleich zu finden, in ihr Gegenteil mĂŒndet: „Man muss schlecht gewesen sein, um ein Sehnen nach dem Guten zu spĂŒren. Und man muss unordentlich gelebt haben, um zu wĂŒnschen, Ordnung in sein Leben zu bringen. Also fĂŒhrt die Geordnetheit in Unordnung, die Tugend ins Laster, die Einsilbigkeit ins Reden, die LĂŒge in die Aufrichtigkeit, letztere in erstere, und die Welt und das Leben unserer Eigenschaften sind rund, nicht wahr, Monsieur, und diese kleine Geschichte bildet eine Art von Einflechtung.“ (114 f)

  1. ↑ (119)

Deutsch:

  • Suhrkamp, Frankfurt 2006, ISBN 978-3-518-41868-0.
  • Suhrkamp, ZĂŒrich 1991, ISBN 3-518-37612-8. (Suhrkamp-Taschenbuch 1112)
  • Suhrkamp, Frankfurt 1988, Hrsg. Bernhard Echte und Werner Morlang, ISBN 3-518-01972-4. (Bibliothek Suhrkamp Band 972) (Entspricht: Robert Walser: Aus dem Bleistiftgebiet. Band 3, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1986)
  • Suhrkamp, Frankfurt 1986, Im Auftrag des Robert Walser-Archivs der Carl Seelig-Stiftung ZĂŒrich neu entziffert. Hrsg. Bernhard Echte u. a. 24 FaksimileblĂ€tter + Transkription des Faksimiles, ISBN 3-518-03084-1.

Übersetzungen:

  • DĂ€nisch: RĂžveren. Übersetzt von RenĂ© Jean Jensen. Basilisk, KĂžbenhavn 2006, ISBN 87-91407-18-4.
  • Französisch: Le brigand. Übersetzt von Jean Launay. Gallimard, Paris 1996, ISBN 2-07-040090-5. (Reihe Folio)
  • Norwegisch: RĂžveren. Übersetzt von Sverre Dahl. Bokvennen, Oslo 2004, ISBN 82-7488-136-2. (Serie Moderne tider)
  • Portugiesisch: O salteador. Übersetzt von Leopoldina Almeida. RelĂłgio d’Agua, Lisboa 2003, ISBN 972-708-716-7.
  • Russisch: Razbojnik. Übersetzt von Anna Glazova. Mitin Ćœurnal, TverÊč 2005, ISBN 5-98144-037-6.
  • Slowenisch: Ropar. Übersetzt von Slavo Ć erc. Nova Revija, Ljubljana 2009, ISBN 978-961-6580-56-4.
  • Jochen Greven: Robert Walser. Figur am Rande, im wechselnden Licht. Fischer, Frankfurt a. M. 1992, ISBN 3-596-11378-4.
  • Thomas Bolli: Inszeniertes ErzĂ€hlen – Überlegungen zu Robert Walsers ‚RĂ€uber’-Roman. Francke, Bern 1991, ISBN 3-317-01761-9 (Dissertation UniversitĂ€t Basel 1989).
  • Thomas BĂŒrgi-Michaud: Robert Walsers „mĂŒhseligkeitenĂŒberschĂŒttetes KunststĂŒck“. Eine Strukturanalyse des „RĂ€uber“-Romans. Lang, Bern 1996, ISBN 3-906756-43-2 (Dissertation UniversitĂ€t Basel 1996).
  • Melissa de Bruyker: Das resonante Schweigen: die Rhetorik der erzĂ€hlten Welt in Kafkas Der Verschollene, Schnitzlers Therese und Walsers RĂ€uber-Roman, Königshausen & Neumann, WĂŒrzburg 2008, ISBN 978-3-8260-3689-7 (Dissertation UniversitĂ€t Gent 2006, 377 Seiten).
  • Jens Hobus: „RĂ€uber“-Roman (verfasst 1925). In: Lucas Marco Gisi (Hrsg.): Robert Walser-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, J.B. Metzler, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-476-02418-3, S. 180–189.