Erdstall

Als Erdstall wird insbesondere im nordöstlichen Alpenvorland ein im Mittelalter von Menschenhand geschaffenes unterirdisches, nicht ausgebautes Gangsystem bezeichnet. Der Begriff âErdstallâ bedeutet âStĂ€tte unter der Erdeâ oder âErd-Stollenâ und hat nichts mit einem Viehstall zur separaten Unterbringung der Haustiere zu tun.


Benennung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Volksmund nennt die Anlagen âunterirdische GĂ€ngeâ oder einfach âGeheimgĂ€ngeâ. Vor allem in Bayern ist die Bezeichnung âSchratzllochâ verbreitet, da sie dem Volksglauben nach von Zwergen (Schrat, Schratzl, Schrazel, Schranzen) gegraben wurden. Daneben kommen oft Bezeichnungen wie âZwerg-â oder âQuerglochâ, in Oberösterreich âGrufenâ, sowie mannigfache lokale Begriffe vor.[1] Seit dem 19. Jahrhundert wurde der in Niederösterreich gebrĂ€uchliche Begriff âErdstallâ in der Fachliteratur vorherrschend.[2]
Beschreibung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In einem Erdstall der Hauptrichtung folgend, liegt in der Regel am Ende die Schlusskammer. Die GĂ€nge sind meist winkelig angeordnet, bis zu 60 cm breit und 1,0 bis 1,4 m hoch. In vielen ErdstĂ€llen gibt es Lampen- und Sitznischen. Engstellen, die nur kriechend passiert werden können, werden als âSchlupfâ bezeichnet.[3][4]
Erscheinungsformen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Zur neuzeitlichen Systematisierung wurde von Erdstallforschern eine grobe Kategorisierung der am hÀufigsten vorkommenden Bauformen vorgenommen:[3]
- Typ A besitzt einen lÀngeren Hauptgang mit Schlupfen und SeitengÀngen.
- Typ B erstreckt sich ĂŒber mehrere Etagen, die durch vertikale Schlupfe miteinander verbunden sind. Auch ein mit einer Trockenmauer verschlossener Bauhilfsschacht ist anzutreffen. Am Ende des Ganges gibt es Sitznischen oder eine Raumerweiterung mit einer Sitzbank.
- Typ C besitzt meist horizontale Schlupfe und am Ende oder mittendrin einen Rundgang, in dessen Bereich der Gang eine aufrechte Begehung zulÀsst.
- Typ D weist durch GĂ€nge miteinander verbundene Kammern auf. Die Engstellen dazwischen sind ĂŒberwiegend horizontal angelegt.
Verbreitung im deutschsprachigen Raum
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ErdstĂ€lle gibt es in Bayern (ĂŒber 700), Oberösterreich, Niederösterreich und vereinzelt in Mitteldeutschland, der Steiermark und im Burgenland. Ăhnliche Anlagen kennt man in Baden-WĂŒrttemberg, Frankreich (Souterrain-refuge), Polen, Tschechien, der Slowakei und Ungarn. Die geographische Verbreitung der ErdstĂ€lle hĂ€ngt u. a. mit geologischen Bedingungen zusammen. Der Boden muss ausreichend fest und doch gut bearbeitbar sein. Entsprechende Bedingungen bietet etwa der Lehm, Löss, Sandstein, Schlier, Tuff oder Flins (verwitterter Granit). In massivem Fels oder losem Schotter kommen ErdstĂ€lle nicht vor.
Unterirdische Objekte in vergleichbarer Bauweise, aber teilweise anderer Funktion und Zeitstellung finden sich in GroĂbritannien (besonders Cornwall und Schottland), wo sie als Souterrain, Weem, Fogou oder Earthhouse bezeichnet werden, sowie in Irland, Spanien und Frankreich.[5]
Es gibt auch Sagen von unterirdischen GÀngen, die einen Ort A mit einem mehrere Kilometer entfernten Ort B verbinden sollen. ErdstÀlle dieser LÀnge gibt es jedoch nicht. Existierende Gangsysteme sind selten lÀnger als 50 Meter. Wahrer Kern hinter derartigen Sagen ist aber oft, dass an beiden Orten ein Erdstall existiert.
MĂ€hren
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- BoĆŸice: Erdstall am TanÄĂcĂ kopec (Tanzberg).
- Erdstall von PĆeskaÄe
- Zlabings: ErdstĂ€lle unter mehreren Hausstellen der WĂŒstung Pfaffenschlag, in den 1970er Jahren archĂ€ologisch untersucht[6]
Niederösterreich
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Althöflein (Katastralgemeinde von GroĂkrut): Erdstallanlagen im Kapellenberg samt Erdstallmuseum.
- DĂŒrnkrut: Bei Kellersanierungsarbeiten entdeckter Erdstall.
- Gaweinstal: Bei einer Kellergrabung zufÀllig gefundener Erdstall.
- Herrnbaumgarten: Mehrere HĂ€user besitzen einen Erdstall.
- Nonndorf (Stadt Raabs an der Thaya): Gut erhaltener Erdstall mit zwei RundgĂ€ngen (einer verstĂŒrzt) unter einem Bauernhof.
- Kleinzwettl: Erdstall mit Rundgang unter einer Wehrkirche.
- Röschitz: Ort mit den meisten ErdstÀllen.[7]
- Ruppersthal: ErdstĂ€lle auf mehreren GrundstĂŒcken des Ortes.
- Schwedenhöhlen: Mehrere ErdstÀlle im Rohrwald.
- Stillfried: Einer von ursprĂŒnglich mindestens drei ErdstĂ€llen ist noch begehbar.
- Thaya: In einem Herrenhaus der WĂŒstung Hard[8]
Oberösterreich
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Erdstall Unterstetten in Tollet[9]
- Erdstall Ratgöbluckn in Perg
- Erdstall unter dem Denkmalhof âMittermayrâ im Freilichtmuseum Pelmberg, Gemeinde Hellmonsödt[10]
- Erdstall Flehlucka in der Gemeinde Wartberg ob der Aist[11]
- Erdstall unter dem Gasthaus zum Feuchten Eck in der Gemeinde Bad Zell[12]
- Erdstall unter dem Gasthof Wösner in der Gemeinde MĂŒnzkirchen
- Erdstall unter dem Bauernhaus Kleinmollsberg Nr. 2 in der Gemeinde Neustift im MĂŒhlkreis[13]
- Erdstall am SchlosserhĂŒgel in Rohrbach[13]
Steiermark
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bayern
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Erdstall Doblberg bei Glonn (Oberbayern, Landkreis Ebersberg)
- Mitterschneidhart: Erdstall mit sich ĂŒberkreuzenden GĂ€ngen unter einem Hof neben der Kirche, verfĂŒllt im 15. Jahrhundert[14]
- Schloss Egg: Unter dem Palas, mit Zugang vom Hauptkeller, befindet sich ein Erdstall, der in sich geschlossen ist. Seine Erbauer, sein Alter und Verwendungszweck geben bis heute RĂ€tsel auf.
- Teunz: Erdstall HöcherlmĂŒhle, 2002 auf freiem Feld entdeckt[15]
- Viechtach: Im Stadtgebiet sind neun ErdstÀlle, in der nÀheren Umgebung noch sechs andere bekannt.[16]
- Grasfilzing, Gemeinde Arnschwang (Oberpfalz, Landkreis Cham): zweiteiliger Erdstall.[17][18]
- Der erste Teil mit 15 Metern LĂ€nge wurde 2008 verschlossen.
- Der zweite Teil mit 5 Metern LĂ€nge wurde erst 2013 entdeckt.
- Hundsruck, Gemeinde Saldenburg (Niederbayern, Landkreis Freyung-Grafenau)[19]:
- Grafenwiesen, Gemeinde (Oberpfalz, Landkreis Cham): nach einem Brandereignis an einem Waldlerhaus wurde beim Graben eines neuen Hausanschlusses vor diesem Haus ein Erdstall entdeckt[22][23]
Baden-WĂŒrttemberg
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Erdstall von Rot am See
- Ringingen: Erdstall unter dem Brauhaus der Adlerbrauerei[24]
Datierung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die eindeutige Datierung der einzelnen ErdstĂ€lle ist vielfach problematisch, da bisher nur wenige systematische facharchĂ€ologische Untersuchungen durchgefĂŒhrt wurden. HĂ€ufig werden sie als fundleer klassifiziert. Zudem wurde bei in der Vergangenheit geborgenen Funden der archĂ€ologische Kontext oft nicht beachtet. Sie sind daher lediglich ein Beleg fĂŒr die Anwesenheit von Menschen im Laufe der verschiedenen Jahrhunderte, haben aber ihren Informationsgehalt fĂŒr eine Datierung oder gar Zweckbestimmung der ErdstĂ€lle gröĂtenteils eingebĂŒĂt.
Karl Schwarzfischer legte 1980 eine umfangreiche Auswertung der Kleinfunde in den ErdstĂ€llen vor.[25] Auch fĂŒr Oberösterreich existiert von 1991 ein Verzeichnis der Funde in den ErdstĂ€llen.[26] FĂŒr Bayern wurden Keramikfunde aus mehreren ErdstĂ€llen von Werner Endres (1937â2015) vorgelegt und 2004 eine detailliertere Bearbeitung der Funde aus dem Erdstall HöcherlmĂŒhle (Gde. Teunz, Lkr. Schwandorf) von Verena Kaufmann publiziert. Die von Josef Weichenberger erstellte chronologische Entwicklung fĂŒr die ErdstĂ€lle gibt insgesamt ein schlĂŒssiges Bild wieder: Danach kamen die ErdstĂ€lle um 1100 auf und hatten im 12. und 13. Jahrhundert ihre âHochblĂŒteâ. Ab dem 13. Jahrhundert wurden in Bayern ErdstĂ€lle wieder verfĂŒllt, eine deutliche HĂ€ufung der Erdstall-VerfĂŒllungen zeigt sich im 15. und 16. Jahrhundert. Ab ca. 1500 wurden keine Anlagen mehr gebaut. Funde belegen, dass sich von ungefĂ€hr 1100 bis ca. 1945/50 immer wieder Menschen in den ErdstĂ€llen aufhielten.[27]
14C-Analysen von Probenmaterial aus ErdstÀllen, insbesondere aus gesicherten archÀologischen Kontexten, liegen bisher nur vereinzelt vor:

| Erdstall | Material | Datierung | datierende Funde |
|---|---|---|---|
| HöcherlmĂŒhle (Gde. Teunz, Lkr. Schwandorf) | Holzkohle, unterste Schicht Bauhilfsschacht | zwischen 991 und 1163 bzw. 954 und 1071 | - |
| Trebersdorf (Gde. Traitsching, Lkr. Cham) | - | zwischen 950 und 1050 | - |
| Doblberg (Gde. Glonn, Lkr. Ebersberg) | Holzabdeckung aus einer Nische in einem Vertikalschlupf | zwischen 1020 und 1160 | - |
| Aying (Lkr. MĂŒnchen) | Holzkohle aus Laufhorizont und RuĂ aus Lichtnische | Mitte des 11. bis in das 13. Jahrhundert | - |
| Niederpretz (Markt Hutthurm, Lkr. Passau) | - | zwischen 1051 und 1088 bzw. 1045 und 1213 | - |
| Grasfilzing (Gde. Arnschwang, Lkr. Cham) | zersetztes nicht identifizierbares organisches Material | zwischen 1297 und 1388 bzw. 1289 und 1394 | Keramik 12. bis 14. Jahrhundert |
Errichtung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ein Holzkohlefund aus dem Bauhilfsschacht eines Erdstalls in Bad Zell (Oberösterreich) wurde mittels Radiokohlenstoffdatierung (14C) in die Zeit zwischen 1030 und 1210 datiert. Der Erdstall HöcherlmĂŒhle (Bayern) ist ebenfalls nach einer 14C-Datierung aus dem Bauschacht frĂŒhestens zwischen dem Ende des 10. und der Mitte des 11. Jahrhunderts n. Chr. gebaut worden. Da BauhilfsschĂ€chte nur fĂŒr die Errichtung eines Erdstalls angelegt und zugeschĂŒttet wurden, sobald der Erdstall fertiggestellt war, kann angenommen werden, dass die ErdstĂ€lle in dieser Zeit errichtet worden sind. Im Erdstall von Rot am See wurde ein Gang mit Steinblöcken nachtrĂ€glich wieder zu einem Durchschlupf verengt, was nach einer 14C-Datierung der Lehmverfugung zwischen 1034 und 1268 n. Chr. geschehen ist.[28]
Nutzung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]DarĂŒber hinaus ermöglichen Funde in ErdstĂ€llen eine Aussage darĂŒber, wann die GĂ€nge von Menschen aufgesucht wurden.
- Holzkohle aus dem Erdstall von Trebersdorf, die mittels Radiokohlenstoffdatierung datiert wurde, erbrachte ein Datum von 950 bis 1050.[29]
- Die Radiokohlenstoffdatierung von Proben aus dem Erdstall von KĂŒhried in Bayern zeigte ein Datum von 950 bis 1160.[30]
In einem Erdstall in Pregarten im Bezirk Freistadt fanden sich an einem Gangende ein hölzerner Schemel, eine Feuerstelle und Keramik. Es handelt sich dabei um BruchstĂŒcke von GefĂ€Ăen mit Bodenzeichen aus der Zeit um 1100. In einem Erdstall in der Gemeinde St. Agatha im Bezirk Grieskirchen fanden sich KeramikbruchstĂŒcke von GefĂ€Ăen des 12. Jahrhunderts.[31]
Urkundliche ErwÀhnung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die erste urkundliche ErwĂ€hnung der Bezeichnung âErdstallâ stammt aus dem Jahr 1449. Im Urbar der Herrschaft Asparn an der Zaya ist ein Untertan namens Methl Huendl erwĂ€hnt, der fĂŒr den 3âŻ1â2 Joch groĂen Acker âauf den erdstellnâ sechs Pfennig an die Herrschaft zu zahlen hat. Ein Untertan namens Tumeregker muss fĂŒr sein 3 Joch groĂes Feld âauf den erdstellnâ ebenfalls sechs Pfennig an Abgabe entrichten.
Zweck
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]ErdstĂ€lle sind weder Bergbau- noch Prospektions- oder Quellstollen. Die im Laufe der Zeit entwickelten Thesen ĂŒber ihren Zweck lassen sich generell drei verschiedenen Grundannahmen zuordnen: Die einen gehen davon aus, dass ErdstĂ€lle als Zweckbauten angelegt wurden. FĂŒr einen lĂ€ngeren Aufenthalt waren die Anlagen allerdings nicht geeignet. Andere Theorien nehmen hingegen an, dass diese unterirdischen Bauwerke als KultstĂ€tten oder Sakralbauten im Zusammenhang mit vorchristlichen Ritualen oder aber hochmittelalterlichen Jenseitsvorstellungen (als LeergrĂ€ber oder Seelenkammern) geschaffen worden sind (Löffelmann 1997). Auch ein Zusammenhang mit dem Durchschlupfbrauchtum wird postuliert, wie es z. B. an der Kirche St. Petrus bei Marienstein (Markt Falkenstein, Lkr. Cham) im Bayerischen Wald praktiziert wird. Die ab 1719 anstelle eines VorgĂ€ngers errichtete Kirche wurde so gebaut, dass zwischen Kirchenwand und Felsen ein kĂŒnstlicher Durchschlupf entstand. Die GlĂ€ubigen kamen hierhin, um ihre körperlichen Leiden abzustreifen, wenn sie sich durch den schmalen Spalt zwischen Granitfels und Kirchenmauer durchzwĂ€ngten.
KultstÀtten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die KultstĂ€tten-These geht davon aus, dass es sich bei ErdstĂ€llen um symbolische LeergrĂ€ber handelt. Solche LeergrĂ€ber sollen von mittelalterlichen Siedlern am neuen Wohnort gegraben worden sein, um fĂŒr die Seelen ihrer Ahnen ein neues, symbolisches Grab anzulegen, weil sie die alten GrĂ€ber zuvor an den alten Siedlungsorten zurĂŒcklassen mussten. Eine Variante ist die These von der âSeelenkammerâ. Der 2007 verstorbene Heimatforscher Anton Haschner[32] aus Markt Indersdorf vermutete in den ErdstĂ€llen einen vorĂŒbergehenden Aufenthaltsort der Seelen von Verstorbenen, an dem sie die âWartezeitâ bis zum JĂŒngsten Gericht verbringen wĂŒrden. Die Lebenden wollten damit vermeiden, dass die Verstorbenen Angst und Schrecken unter den Menschen verbreiten könnten. Erst als sich die theologische Vorstellung des Fegefeuers Ende des 11. Jahrhunderts herausbildete, hörten die Menschen damit auf, ErdstĂ€lle zu errichten, da sie die Seelen nun sicher an einem jenseitigen Ort aufgehoben glaubten.[33]
Gelegentlich wird als Argument fĂŒr diese These angefĂŒhrt, dass manche ErdstĂ€lle spitzbogige Bauelemente aufweisen, was an sakrale GebĂ€ude erinnere. Der im 13. Jahrhundert aufkommende Spitzbogen ist jedoch nicht auf Sakralbauten beschrĂ€nkt, er findet sich als typisches stilistisch-konstruktives Element der gotischen Stilepoche genauso an den Profanbauten. Dem Bau-Element des Rundgangs am Ende mancher Erdstall-Anlagen lĂ€sst sich kein praktischer Nutzen zuschreiben.
ZufluchtsstÀtten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der ZufluchtsstĂ€tten-These zufolge wurden ErdstĂ€lle als Verstecke angelegt, in denen gefĂ€hrdete Personen etwa bei ĂberfĂ€llen âwie vom Erdboden verschlucktâ verschwinden konnten. Viele ErdstĂ€lle weisen Bauelemente auf, die nur bei einer Deutung als Zufluchtsort sinnvoll erklĂ€rt werden können, etwa Verriegelungsvorrichtungen, die ausschlieĂlich von innen bedient werden können. Auch Nischen, BĂ€nke und Luftlöcher in ErdstĂ€llen weisen auf die Verwendung als Aufenthaltsort von Menschen hin.
Ein wichtiger Hinweis zum Zweck der ErdstĂ€lle ist in einer unter dem Namen âKleiner Lucidariusâ oder âSeifried Helblingâ erschienenen Sammlung von 15 Gedichten aus dem Ende des 13. Jahrhunderts enthalten. Darin wird erzĂ€hlt, wie ein Bauer bei einem Ăberfall auf den Bauernhof Frau und Kind in einem âslĂąfluocâ bzw. âsloufluocâ versteckt.[34] Der Begriff ist zusammengesetzt aus dem Grundwort âluocâ und dem Bestimmungswort âsloufâ. Die Wortbedeutung richtet sich nach dem Grundwort, welches als âHöhleâ, âLochâ und im ĂŒbertragenen Wortsinne als Versteck ĂŒbersetzt werden kann. Das Bestimmungswort âsloufâ kann als SchlĂŒpfen, Schliefen oder Schlufen verstanden werden. Damit ergibt sich eine Bedeutung als âSchlupflochâ.
WĂ€hrend die Zusammensetzung âsloufluocâ sich bisher nur bei Seifried Helbling findet, sind die Wörter in anderen Verbindungen öfter zu beobachten.[35] Der Zweck des âsloufluocâ war das Versteck. Im 15. Gedicht wird es mit Befestigungen, Burgen und StĂ€dten gleichgesetzt, in denen sich Ritter und BĂŒrger vor Feinden verschanzen. Es scheint sich um einen regionalen Begriff fĂŒr ErdstĂ€lle des spĂ€ten Mittelalters zu handeln.[36] Der Autor des Seifried Helbling stammt aus Niederösterreich, so dass ihm die Anlagen bekannt gewesen sein dĂŒrften. Ab dem 15. Jahrhundert erscheint dann der Terminus Erdstall.
Mit Seifried Helbling kann erstmals eine mittelalterliche Quelle identifiziert werden, die die Benutzung eines Erdstalls im 13. Jahrhundert beschreibt. Möglicherweise sollte er nur als Schutz fĂŒr Frau und Kinder wĂ€hrend eines kurzfristigen Ăberfalls dienen. Der Text lĂ€sst anklingen, dass der Begriff âsloufluocâ fĂŒr eine derartige Anlage eventuell weiter verbreitet und die Nutzung als âFestung der Bauernâ zumindest regional ĂŒblich war. Dieser Umstand spricht dafĂŒr, dass die Anlagen auch zu diesem Zweck errichtet worden sind. Sie können damit im Kontext des mittelalterlichen Fehdewesens gesehen werden, das die Zerstörung gegnerischen Besitzes, also auch der Höfe bĂ€uerlicher Hintersassen, als wichtiges Mittel der Konfliktaustragung kannte.[37]
Ebenfalls zu berĂŒcksichtigen sind hier auch Untergangsprophezeihungen, wie der Toledobrief von 1186, der eine weite Verbreitung fand. So wurde die coniunctio aurea (Jupiter und Saturn) im Sternzeichen Waage von den Astrologen gedeutet als Vorzeichen fĂŒr schreckliche Erdbeben, Unwetter und vor allem verheerende StĂŒrme, die sĂ€mtliche HĂ€user dem Erdboden gleich machen und das Ende der Menschheit bedeuten sollten. Solche Prophezeiungen wurden 1179 an Höfe und Klöster in ganz Europa verschickt.
Ausgehend von Schriftquellen und den archĂ€ologischen Befunden wurden ErdstĂ€lle von den Bewohnern der Hofstellen genutzt, zu denen sie gehörten, d. h. sie waren kein Versteck fĂŒr eine gröĂere Dorfgemeinschaft.
Die fĂŒr ErdstĂ€lle typischen hautengen Schlupfe bewirken einen wirksamen Schutz gegen Eindringlinge. Die engen, winkeligen GĂ€nge zwingen Eindringlinge, sich einzeln und in kriechender Stellung fortzubewegen. Beim Durchqueren der Engstelle ist ein Eindringling in seiner Bewegungsfreiheit deutlich eingeschrĂ€nkt und kann seine HĂ€nde nicht zu seiner Verteidigung verwenden, hinzu kommt, dass er den engen, dunklen und verwinkelten Gang vor sich im Gegensatz zum Verteidiger nicht kennt. So sind Eindringlinge einem Verteidiger hilflos ausgeliefert und können sogar von einem deutlich schwĂ€cheren Gegner ĂŒberwĂ€ltigt werden. Die engen und leicht zu tarnenden Einstiege belegen die Geheimhaltung der Anlage.
Bei ĂberfĂ€llen ermöglicht der Erdstall ein rasches Verschwinden und Verstecken. ErdstĂ€lle, die in direkter Verbindung mit mittelalterlichen Wehranlagen stehen und wesentlicher Bestandteil der Wehranlage sind, sprechen ebenfalls fĂŒr die ZufluchtsstĂ€tten-These. Beispiele fĂŒr derartige Erdstallanlagen finden sich unter dem Hausberg von Gaiselberg oder GroĂriedenthal (Niederösterreich) oder unter der Wehrkirche von Kleinzwettl (Niederösterreich, Bezirk Waidhofen an der Thaya). Von dieser Wehrkirche aus ist ein 52 Meter langes Gangsystem zugĂ€nglich.
Wenn auch nicht aus der Zeit ihrer Errichtung, so gibt es doch zahlreiche Belege, dass ErdstĂ€lle zumindest spĂ€ter immer wieder als Zufluchtsanlagen genutzt wurden und dafĂŒr durchaus geeignet sind. Dass ErdstĂ€lle fĂŒr einen kurzen Aufenthalt geeignet sind, ist empirisch erwiesen. Drei Personen konnten bei einem Experiment problemlos 48 Stunden in einem Erdstall ĂŒberleben.[38]
Andererseits ist der Aufenthalt in ErdstĂ€llen unbequem, in den Kammern kann ein Erwachsener meist nicht aufrecht stehen. EingeschrĂ€nkte Bewegungsfreiheit, KĂ€lte und Feuchtigkeit stellen eine erhebliche Belastung dar. ErdstĂ€lle sind nur fĂŒr einen kurzen Aufenthalt geeignet, weil die lebensnotwendige Nahrung und Wasser mitgenommen werden mĂŒssen. In Erdstallanlagen fehlt auch die Möglichkeit, FĂ€kalien zu entsorgen. Diese können bestenfalls vergraben werden.
Kranke, alte und zu dicke Menschen oder Schwangere können die engen Schlupfe nicht passieren. Die in ErdstĂ€llen herrschende niedrige Temperatur kann wegen Sauerstoffmangels und Rauchbildung nicht durch ein Feuer erhöht werden; selbst wenn AbzĂŒge fĂŒr den Rauch vorhanden gewesen wĂ€ren, hĂ€tte dieser das Versteck verraten. HĂ€tten PlĂŒnderer den Eingang zu einem Erdstall entdeckt, dann hĂ€tten sie die Menschen im Erdstall ausrĂ€uchern oder den Eingang zuschĂŒtten können, was fĂŒr die im Erdstall Eingeschlossenen den Erstickungstod zur Folge gehabt hĂ€tte.
Zudem wurden in ErdstĂ€llen kaum Artefakte gefunden, was gegen den Aufenthalt von Menschen spricht, da auch bei einem nur kurzen Aufenthalt doch mit verlorenen oder zurĂŒckgelassenen GegenstĂ€nden zu rechnen wĂ€re.
Erdstallforschung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Als Pionier der Erdstallforschung gilt der Benediktiner-Pater Lambert Karner (Stift Göttweig). Er untersuchte von 1879 bis 1903 zahlreiche ErdstĂ€lle und publizierte seine Forschungsergebnisse in dem Buch âKĂŒnstliche Höhlen aus alter Zeitâ. Karner fĂŒhrt in seinem Werk eine Reihe von Argumenten gegen die Fluchtwegtheorie an.
Der Heimatforscher Franz Xaver KieĂling beschĂ€ftigte sich speziell mit den ErdstĂ€llen des Waldviertels (Nordwestliches Niederösterreich).
In Bayern setzte sich Karl Schwarzfischer ab 1950/60 ausgiebig mit ErdstĂ€llen auseinander und grĂŒndete 1973 den Arbeitskreis fĂŒr Erdstallforschung. Von ihm gingen durch seine Forschungen, Publikationen und einer breiten Ăffentlichkeitsarbeit viele Impulse aus. Er gilt als der Wegbereiter der heute noch aktiven Erdstallforschung im deutschsprachigen Raum. Der Arbeitskreis fĂŒr Erdstallforschung mit Sitz in Roding (Bayern) koordiniert die Erdstallforschungen mit Ausgrabungen, Vermessungen und internationalen Treffen und publiziert seit 1975 in seinen Jahresheften Der Erdstall aktuelle Forschungsergebnisse.
Erst in den letzten Jahrzehnten werden ErdstĂ€lle gelegentlich auch durch die zustĂ€ndigen Denkmalpflegebehörden untersucht. Beispiele sind die ErdstĂ€lle von StĂŒtzenhofen in Niederösterreich 1983,[39] Rot am See in Baden-WĂŒrttemberg 1990,[28] Mitterschneidhart in Niederbayern 1991,[40] und 2011 im oberbayerischen Glonn. Damit wird heute auch die denkmalpflegerische Bedeutung der ErdstĂ€lle anerkannt.[33]
Museen und öffentlich zugÀngliche ErdstÀlle
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Am Kapellenberg von Althöflein in der Marktgemeinde GroĂkrut in Niederösterreich gibt es ein Erdstallmuseum, bei dem auch die dortigen ErdstĂ€lle besichtigt werden können.
Im oberpfĂ€lzischen Neukirchen-Balbini befindet sich seit 2019 ein Erdstall-Forschungszentrum mit Archiv, EuropĂ€ischer Bibliothek fĂŒr Erdstallforschung und Museum. Unter dem denkmalgeschĂŒtzten SchieĂl-Hof, in dem eine interaktive Dauerausstellung ĂŒber ErdstĂ€lle informiert, liegt ein originaler Erdstallgang, in den Besucher einen Blick werfen können. FĂŒr wissenschaftliche Recherchen stehen die Fachbibliothek und digitalisiertes Informationsmaterial aus ArchivbestĂ€nden des Arbeitskreises fĂŒr Erdstallforschung e. V. zur VerfĂŒgung.
Im Rahmen einer FĂŒhrung kann in Zwiesel (Bayern) ein unterirdisches Gangsystem besichtigt werden, dessen UrsprĂŒnge in ErdstĂ€llen liegen.
Von 2010 bis 2012 wurde im Freilichtmuseum Glentleiten, in Passau und Kelheim eine Wanderausstellung ĂŒber ErdstĂ€lle gezeigt.
Der Erdstall Ratgöbluckn in Perg ist der gröĂte begehbare Erdstall in Oberösterreich und gehört zu den AuĂenanlagen des Heimathaus-Stadtmuseum Perg.
Im Jahr 2015 wurde das âSub Terra Museum Vorauâ im Stift Vorau eröffnet. Unter dem Stift existiert nach Meinung des Höhlenforschers Heinrich Kusch ein Labyrinth an GĂ€ngen, das sich ĂŒber sieben Ebenen bis in eine Tiefe von mehr als 78 Metern erstrecken soll,[41] wofĂŒr es aber keinerlei wissenschaftlichen Beweis gibt.[42][43]
Filme
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- In der Pilotfolge Das Labyrinth von 2008 der ZDF-Fernsehserie Ihr Auftrag, Pater Castell geht es um ErdstÀlle.
- Exkursion in die Unterwelt â Erdstallforschung in Stamsried.[44]
Sagen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Ludwig Bechstein: Wichtlein an der AltmĂŒhl[45] (Sage ĂŒber das Schlaufloch mit unterirdischem Gang im Burgstein bei der Bubenroder MĂŒhle im AltmĂŒhltal.)
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Dieter Ahlborn: Geheimnisvolle Unterwelt. Das RÀtsel der ErdstÀlle in Bayern. Kultisurium, Aying 2010, ISBN 978-3-00-030203-9.
- Otto Cichocky: Zur Datierung von ErdstĂ€llen â Teil 2. In: Der Erdstall 44, 2018, S. 97.
- Hans Falkenberg: Die ErdstĂ€lle. Zwischenbilanz einer rĂ€tselhaften Unterwelt in Oberösterreich. In: Oberösterreichische HeimatblĂ€tter. Jahrgang 36, Nr. 3/4, Linz 1982, ISSN 0029-7550, S. 179â216 (ooegeschichte.at [PDF; 7,3 MB]).
- Lambert Karner: KĂŒnstliche Höhlen aus alter Zeit. Wien 1903, Nachdruck 2018, ISBN 978-3-96401-000-1.
- Franz KieĂling: Ăber das âRĂ€tsel der ErdstĂ€lleâ. Wien 1925.
- DorothĂ©e Kleinmann: Die mittelalterlichen Souterrains in Frankreich. In: Zeitschrift fĂŒr ArchĂ€ologie des Mittelalters. Köln 7.1979, ISSN 0340-0824, S. 143â165.
- Maria Rind: ErdstĂ€lle â ein rĂ€tselhaftes PhĂ€nomen? In: BeitrĂ€ge zur ArchĂ€ologie in der Oberpfalz. BĂŒchenbach 2.1998, ISSN 1433-433X, S. 475â489.
- Anton Schuberl: Die ErdstĂ€lle im bayerisch-österreichischen Raum, in: Passauer Jahrbuch 62 (2020), ISSN 1862-3212, S. 15â17 (Online-Volltext).
- JĂ©rĂŽme und Laurent Triolet: Les Souterrains â Le monde des souterrains-refuges en France. Paris 1995, ISBN 2-87772-101-9.
- JérÎme und Laurent Triolet: Souterrains et croyances. Mythologie, folklore, cultes, sorcellerie, rites initiatiques. Ed. Ouest-France, Rennes 2002, ISBN 2-7373-2872-1.
- Anton Vrbka: ErdstĂ€lle in SĂŒdmĂ€hren. Deutsch-mĂ€hrischer Lehrerbund, 1912.
- Josef Weichenberger: ErdstĂ€lle â geheimnisvolle unterirdische GĂ€nge. In: Jutta Leskovar: Worauf wir stehen. ArchĂ€ologie in Oberösterreich. Weitra 2003, ISBN 3-85252-525-X, S. 207â212.
- Josef Weichenberger: Autriche â Les souterrains-refuges. In: Les Dossiers dâ Archeologie. Nr. 301. Dijon 2005, ISSNÂ 0184-7538, S. 62â67.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- erdstall.de: Arbeitskreis fĂŒr Erdstallforschung e. V.
- erdstallforschung.de: Interessengemeinschaft Erdstallforschung (IGEF)
- Erdstallkataster in Bayern
- subterravorau.at
- Martin StraĂburger: Erdstall Historisches Lexikon Bayerns
- Simone Kapp: RĂ€tselhafte GĂ€nge National Geographic Deutschland, 10. Februar 2022.
- Souterrains refuges in der Base Mérimée des französischen Kulturministeriums (französisch), abgerufen am 10. Oktober 2026
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Lambert Karner: KĂŒnstliche Höhlen aus alter Zeit. Lechner, Wien 1903, S. 8, 221. Karl Schwarzfischer: Zur Frage der Schrazellöcher oder ErdstĂ€lle. Schriftliche Zeugnisse, Mythologie, kulturkundlicher Vergleich, Aussage v. Ortsnamen. Knauf, Weiden 1968, S. 27.
- â R. Keller: Versteckt im Slauflueg. Eine mittelalterliche Quelle zur Erdstallfrage. In: Der Erdstall. Band 44, 2018, S. 22â45, hier S. 28 f. Vgl. auch Ngram Viewer. In: Google Books
- 1 2 Herbert Wimmer: Die Regional-Typisierung der ErdstĂ€lle. In: Der Erdstall. Nr. 26. Roding 2000, ISSN 0343-6500, S. 54â56.
- â Josef Weichenberger: Signifikante Kennzeichen der ErdstĂ€lle. In: Der Erdstall. Nr. 30. Roding 2004, ISSN 0343-6500, S. 89â90.
- â http://chateaudebazert.free.fr/patrimoine/souterrain.htm
- â Vladimir Nekuda: ErdstĂ€lle in den mittelalterlichen WĂŒstungen MĂ€hrens. In: Der Erdstall. Roding 18.1992, ISSN 0343-6500, S. 25â42.
- â Lambert Karner: KĂŒnstliche Höhlen aus alter Zeit. Wien 1903, S. 127.
- â Fritz Felgenhauer: Ausgrabungen im Bereich der mittelalterlichen DorfwĂŒstung âHardâ bei Thaya/Niederösterreich (Stand 1984). In: BeitrĂ€ge zur MittelalterarchĂ€ologie in Ăsterreich. Wien 1.1985, ISSN 1011-0062, S. 15â28.
- â Erdstallzentrum Tollet Unterstetten
- â Verbund Oberösterreichischer Museen â Freilichtmuseum Pelmberg Denkmalhof âMittermayrâ
- â Gemeinde-Website Wartberg ob der Aist ( vom 31. Juli 2012 im Internet Archive)
- â Website des Tourismusverbandes Bad Zell ( vom 30. Oktober 2016 im Internet Archive)
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- â Thomas KĂŒhtreiber: Heinrich und Ingrid Kusch: Tore zur Unterwelt. Das Geheimnis der unterirdischen GĂ€nge aus uralter Zeit. In: Die Höhle. Zeitschrift fĂŒr Karst- und Höhlenkunde. Band 61, 2010, S. 137â140, v. a. 138 f. (Buchbesprechung; PDF).
- â In der BR-mediathek
- â Ludwig Bechstein: Deutsche MĂ€rchen und Sagen, Aufbau-Verlag, Berlin / Weimar 1980, DDR, Sage Wichtlein an der AltmĂŒhl S. 321â322.