Genre-Theorie
Die Genre-Theorie (von frz. genre fĂŒr Gattung bzw. Stil) klassifiziert typische Merkmale erzĂ€hlerischer literarischer oder filmischer Werke. Explizit dienen die Form der ErzĂ€hlung, ihre Grundstimmung, ihr Thema und ihre Handlung sowie historische oder rĂ€umliche BezĂŒge der Geschichte als Mittel der Unterscheidung[1]. Den Genres ĂŒbergeordnet ist der allgemeinere Begriff der Gattung.
Der Begriff Genre als Unterbegriff der Gattung stammt aus der Literaturwissenschaft. Seit den 1970er Jahren hat er sich, von den USA ausgehend, in der Filmwissenschaft etabliert, wird aber auch in der Musikwissenschaft und in der Spielwissenschaft verwendet. Aufgrund der unterschiedlichen AnsÀtze ist der Begriff vielgestaltig und unterscheidet sich nur bedingt von anderen Allgemeinbegriffen wie Gattung, Format oder Textsorte.
Genre und Gattung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Philosoph Aristoteles teilte in seiner Poetik die Dichtung in Epik, Lyrik und Drama ein und definierte damit die ersten Gattungen. Im Deutschen ergibt sich ein VerstĂ€ndnisproblem aus der Tatsache, dass die Begriffe Genre und Gattung gleichermaĂen verwendet werden, je nach Kontext aber unterschiedliche Bedeutungen besitzen. Die Gattung gliedert der Tendenz nach die âhoheâ und das Genre die âniedereâ Kunst, Ă€hnlich wie bei der Unterscheidung zwischen der âniederenâ Genremalerei und der âhohenâ Historienmalerei. AuĂerdem scheint die Gattung gröĂere Werkgruppen zu bezeichnen als das Genre.
Das englische genre wird im Deutschen zwar mit Gattung ĂŒbersetzt und umgekehrt; je nach Kontext und Autor können die beiden Begriffe aber divergierende Bedeutungen annehmen. In der Filmwissenschaft spricht man in der Regel von Genres und meint damit thematisch verbundene Filmgruppen wie Western oder Thriller. In der Literaturwissenschaft ist dagegen meist von Gattungen die Rede, wenn es sich um Bildungsroman oder bĂŒrgerliches Trauerspiel handelt. Das Genre ist aus dieser Sicht eher eine Mode, wĂ€hrend die Gattung als AusfĂŒhrung eines theoretischen Programms erscheint. Genretheorie ist den Genres, die sie beschreibt, nicht vorausgesetzt, wie eine Poetik es fĂŒr die Gattungen zu sein versucht.
So ist es in der deutschsprachigen Filmwissenschaft durchaus ĂŒblich, âgroĂeâ Gruppen wie Spiel- oder Dokumentarfilm als Gattung zu bezeichnen; in der Germanistik wiederum kommt auch der Ausdruck Genre zum Einsatz, meist als Bezeichnung fĂŒr besonders stark typisierte, kommerziell ausgerichtete Literaturgattungen auĂerhalb oder am Rande des Literaturkanons. Der Arztroman ist beispielsweise typische Genreliteratur, der Roman wird dagegen als Gattung bezeichnet.
Auch hier gilt, dass diese Unterscheidung keineswegs ĂŒberall gemacht wird. Es ist durchaus zulĂ€ssig, den Kriminalroman als Gattung zu bezeichnen; den Roman als Genre zu betiteln, ist dagegen unĂŒblich. Im Englischen wiederum besitzt genre eine Ă€hnlich breite Bedeutung wie Gattung im Deutschen: Gothic Novel, romance oder poetry sind âgenresâ. Der unterschiedliche Sprachgebrauch fĂŒhrt nicht selten zu Verwirrung. FĂŒr Englischsprachige stellt die Behauptung, der nonfiction film sei ein genre, kein Problem dar, im deutschsprachigen Kontext fĂŒhrt diese Feststellung dagegen meist zu heftigen Diskussionen, weil Genre hier normalerweise als kleinere Einheit verstanden wird.
Definitionsprobleme
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Wenn die Merkmale eines Genres nicht durch eine Poetik definiert sind wie beim Regeldrama der französischen Klassik, stellen sich bei jeder Zuordnung die Probleme der Induktion: Ein Film wird im Vergleich mit anderen Filmen dem Genre des Westerns oder des Horrorfilms zugeordnet. Es gibt keine vorgegebene Norm als feste BezugsgröĂe. In der Filmwissenschaft wurde dieses Problem unter anderem von Rick Altman aufgegriffen, der zwischen inhaltlichen und strukturellen Merkmalen unterscheidet, um wiederkehrende Muster von Genres zu beschreiben.[2]
Wie soll man jedoch feststellen, zu welchem Genre ein Werk gehört, wenn ein Genre lediglich ein Kanon von Werken ist, den man mehr oder weniger willkĂŒrlich festlegen muss, da eine vollstĂ€ndige Beschreibung aller relevanten Merkmale nicht oder nur aus den Werken selbst hergeleitet werden kann?
Janet Staiger erklÀrt, es gebe vier Arten, Genres festzulegen, ohne der Wissenschaft, der Kritik, dem Publikum oder dem Markt den Vorzug zu geben:
- Die Bestimmung eines idealen Vorbilds, mit dem die ĂŒbrigen Exponenten des Genres verglichen werden. (idealist method)
- Der Versuch, auf inhaltliche Gemeinsamkeiten zu schlieĂen. (empiricist method)
- Die schlichte Festlegung, was zu einem Genre gehören soll (a priori method).
- Die Untersuchung gesellschaftlicher Erwartungen, die zu Genres fĂŒhren (social convention method).[3]
Tzvetan Todorov hat 1970 festgestellt, dass historisch gewachsene und theoretisch modellierte Genres selten identisch sind und sich die Vorstellungen der Wissenschaft daher von den Konventionen des Marktes unterscheiden. Seither hat sich auch die Wissenschaft vermehrt mit den Marktstrukturen auseinandergesetzt, aus denen Genre-Begriffe hervorgegangen sind, statt auf eigenen Einteilungen zu beharren.[4]
Erschwerend kommt hinzu, dass jedes Werk sich mit den Genre-Traditionen auseinandersetzt und neue Elemente einfĂŒhrt, beziehungsweise alte weglĂ€sst oder uminterpretiert. Sonst wĂ€re es zu vorhersehbar und klischeehaft. Da das Publikum mit einem Genre gewisse Erwartungen verknĂŒpft, ist das Werk stereotyp, wenn sie alle erfĂŒllt, und unverstĂ€ndlich, wenn sie alle enttĂ€uscht werden.
- Beispiel: Die Erwartung des Publikums, einen Western zu sehen, wird durch Filme dieser Art aufgebaut. Wenn sich zwei MĂ€nner auf einer StraĂe gegenĂŒberstehen, wird es zum Beispiel mit einer SchieĂerei rechnen. Wenn solche Erwartungen alle erfĂŒllt werden, entspricht der Film zwar in jeder Hinsicht dem Genre, ist aus diesem Grund aber vielleicht nicht interessant genug. Wenn zu viele dieser Erwartungen enttĂ€uscht werden, kann sich ein Teil des Publikums nicht mehr orientieren.
AbhÀngigkeit von historischen Prozessen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Wenn ein neues Werk unweigerlich neue Elemente einbringen muss, verĂ€ndert sich die Definition eines Genres im Laufe der Zeit. Genres sind demnach historischen Prozessen unterworfen und beziehen sich immer auf bereits vorhandene Werke, neue können sie nicht vollstĂ€ndig beschreiben. In diesen Prozessen spielen gesellschaftliche VerĂ€nderungen eine wichtige Rolle, da der Konsens ĂŒber ein Genre letztlich ein gesellschaftlicher Konsens ist.
- Beispiel: Lange Zeit wurden in Western-Filmen Indianer nur als primitive Bösewichte gezeigt, die in Massen ĂŒber harmlose Siedler herfielen und im letzten Moment von der Kavallerie vertrieben wurden (was in Teilen eine Anspielung auf den Kalten Krieg und die damit verbundene ârote Gefahrâ, den Kommunismus, darstellte). Filme wie Little Big Man oder Der mit dem Wolf tanzt Ă€nderten in einem neuen gesellschaftlichen Umfeld dieses Bild und wiesen den Ureinwohnern einen neuen Platz zu.
Verschiedene Parteien tragen also zur Bildung und Weiterentwicklung von Genres bei: Einmal die Produzenten und Autoren durch den Versuch, die Publikumsreaktionen auf bestimmte Àsthetische Muster zu kalkulieren, zum anderen das Publikum selbst, das eine Erwartungshaltung aufgebaut hat, und nicht zuletzt die Kritiker, die als Motor der Entwicklung dienen und den analytischen Hintergrund liefern.
Filmgenres werden in der Forschung zunehmend als diskursive Kategorien verstanden, die durch das Zusammenspiel von Filmindustrie, Kritik und Publikum entstehen und stabilisiert werden. Genres bezeichnen demnach keine festen Eigenschaften einzelner Werke, sondern sind Resultate historischer Kommunikationsprozesse. Darauf aufbauend versteht die neuere Genretheorie Genres hÀufig als dynamische und variable Kategorien. Rick Altman unterscheidet dabei zwischen semantischen (inhaltlichen) und syntaktischen (strukturellen) Merkmalen von Genres[2], wÀhrend Steve Neale Genres als Prozesse der Differenz und Wiederholung beschreibt.[5]
Die Genre-Theorie beschÀftigt sich mit all diesen Fragen und hat komplexe ErklÀrungssysteme entworfen. Trotzdem bleiben viele Fragen offen, zum Beispiel zum VerhÀltnis von Autor und Genre.
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Rick Altman: Film/Genre, London: Bloomsbury, 1999, ISBN 9780851707174
- Barry Keith Grant (Hrsg.): Film genre: Theory and criticism. Scarecrow Press, Metuchen / London 1977, ISBN 0-8108-1059-X
- GĂ©rard Genette: Introduction Ă l'architexte (1979), deutsch: EinfĂŒhrung in den Architext. Ăbersetzt von J.-P. Dubost, G. Febel, H.-Ch. Hobohm und U. Pfau. Verlag Jutta Legueil, Stuttgart 1990, ISBN 3-9802323-2-8 (Ăber die Klassifikation literarischer Genres)
- Steve Neale: Genre and Hollywood, Routledge, London 1999, ISBN 978-0-415-02606-2
- Marcus Stiglegger (Hrsg.): Handbuch Filmgenre, Springer Verlag, Wiesbaden 2018, ISBN 978-3-658-09631-1.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â : IKONEN : Artikel Filmgenres Genre Theorie Spielfilm Marcus Stiglegger Filmwissenschaft Filmtheorie Definition EinfĂŒhrung. Archiviert vom (nicht mehr online verfĂŒgbar) am 16. August 2014; abgerufen am 14. April 2017.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprĂŒft. Bitte prĂŒfe Original- und Archivlink gemÀà Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
- 1 2 Rick Altman: Film/Genre. BFI Publishing, London 1998, ISBN 978-0-85170-717-4.
- â Janet Staiger: Hybrid or Inbred: The Purity Hypothsis ans Hollywood Genre History, in: Barry Keith Grant (Hg.): Film Genre Reader IV, Univ. of Texas Press, Austin 2012, S. 203â217.
- â Peter Scheinpflug: Genre-Theorie. Eine EinfĂŒhrung, Lit, Berlin 2014, S. 6ff. ISBN 978-3-643-12435-7
- â Steve Neale: Genre and Hollywood. Routledge, 1999, ISBN 978-0-415-02606-2.