Kurort
Als Kurort werden Gemeinden oder Gemeindeteile bezeichnet, denen aufgrund ihrer besonderen Eignung fßr eine medizinische Therapie (zum Beispiel im Rahmen einer Kur) ein entsprechendes Prädikat verliehen wurde.
Deutschland
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Standards fĂźr Kurorte in Deutschland
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Kurorte in Deutschland sind Kompetenzzentren, die mit den ortstypischen Heilmitteln und Heilverfahren in der Kurortmedizin Patienten und Gäste kompetent begleiten, damit diese gesund bleiben oder gesund werden. Die medizinische Kurortbehandlung dient der Vorbeugung von Krankheiten (Prävention), der Nachsorge (Rehabilitation), der Linderung und der Heilung bei der Behandlung von chronischen Erkrankungen und den sogenannten Zivilisationskrankheiten. Prägend fĂźr einen Kurort ist die Anwendung natĂźrlicher Heilmittel des Klimas (Heilklima) und die Anwendung natĂźrlicher Heilverfahren im Therapiesystem in den Verfahren nach Schroth, Felke oder Kneipp. Diese therapeutischen Ansätze sind wissenschaftlich geprĂźft; ihre wissenschaftliche Evidenz wird laufend evaluiert. Grundlage fĂźr die hohe Qualität und Vergleichbarkeit der Angebote in den Kurorten sind (analog zu den Heilbädern) sogenannte Begriffsbestimmungen (Definition von Qualitätsnormen).[1] Sie dienen in ihrer AuĂenwirkung dem fairen Wettbewerb der Kurorte untereinander und sind Basis der von den Bundesländern regelmäĂig durchgefĂźhrten Zertifizierungen (Prädikatisierungen).
Orte, in denen Wasserkuren (Badekur oder Trinkkur) praktiziert werden, bezeichnet man als Heilbad, Kurbad, Ort mit Moorkurbetrieb oder Ort mit Heilquellenkurbetrieb. Orte an der Kßste werden als Seeheilbäder oder Seebäder bezeichnet.
Aufgrund von LuftgĂźte kĂśnnen Orte auch als Luftkurorte ausgezeichnet werden.
Kurorte sind weltweit ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Allein in Deutschland erwirtschaften rund 400.000 direkt und indirekt in Kurorten Beschäftigte einen jährlichen Umsatz von ßber 30 Milliarden Euro (2013).[2]
Geschichte
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(Bayerischer LĂśwe in weiĂ-blauer Badewanne)
HeiĂe Dämpfe, Mineral- und Thermalquellen zu therapeutischen Zwecken wurden schon von den RĂśmern verbreitet genutzt, die Heilbäder anlegten, u. a. Aquae Sulis (heute: Bath), Aquae Arnementiae (heute: Buxton), Aquae Granni (heute: Aachen), Aquae Mattiacorum (heute: Wiesbaden), Aquae (heute: Baden-Baden), Aquae Helveticae (heute: Baden AG), Aquae Cutiliae (heute: Terme di Cotilia).
1581 erschien das balneologische Werk Neuw Wasserschatz des Botanikers und Mediziners Tabernaemontanus, der deshalb als Begrßnder deutscher Kurorte wie Bad Schwalbach gilt. 1632 verÜffentlichte Johann Nopp in Aachen frßhe medizinische Baderegeln in seinem Werk Aacher Chronick, das ist eine kurtze, historische Beschreibung aller gedenckwßrdiger Antiquitäten und Geschichten, sampt zugefßgten Privilegien und Statuten.
Die ersten modernen Bade- oder Kurorte entstanden im 18. Jahrhundert im belgischen Spa und in England fĂźr die Ober- und Mittelschicht. MaĂgeblichen Einfluss auf die britische Badekultur hatte der Mediziner Richard Russell (1687â1759), der sich intensiv mit der gesundheitsfĂśrdernden Wirkung von Meerwasser befasste und einer der Pioniere der Thalassotherapie war. Beispiele aus dieser Zeit sind Bath, Brighton, Buxton und Harrogate.
Ab dem 19. Jahrhundert Ăźbertrug sich diese Entwicklung auch auf das europäische Festland. Baden-Baden, Bad Kissingen, die mecklenburgischen Ostseebäder wie Heiligendamm, die bĂśhmischen Kurorte Karlsbad, Kyselka und Marienbad, die nassauischen Kurorte Wiesbaden, Schlangenbad, Bad Schwalbach und Bad Ems (vgl. BäderstraĂe Taunus) oder die Ăśsterreichischen Kurorte (Baden), Bad Ischl, Meran oder Bad Gastein entwickelten sich bald zum Treffpunkt der gehobenen Gesellschaft. Auch in Russland entstanden im 19. Jahrhundert Kurbäder, berĂźhmtes Beispiel ist Sotschi.
In Japan wurden schon in frĂźhester Zeit die heiĂen Quellen (Onsen) zum Baden benutzt; nach der Ăffnung des Landes im 19. Jahrhundert wurden in einigen Orten mit diesen Quellen nach westlichem Vorbild Kurorte eingerichtet, die heute beliebte Touristenziele sind, etwa Beppu.
Weltbad
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]FĂźr die im 19. und frĂźhen 20. Jahrhundert international fĂźhrenden historischen Mode- und Kurbäder bĂźrgerte sich der Begriff âWeltbadâ ein. Sie unterscheiden sich von anderen Kurorten vor allem durch folgende Kriterien:
- Vergnßgungsangebote: Das gesellschaftliche Leben in einem Weltbad ist mindestens genauso wichtig wie die medizinische Kur, wenn nicht bedeutsamer. Ein Weltbad bot dem Kurgast vielfältige MÜglichkeiten, seine Freizeit zu verbringen, so zu Bewegung und Sport, Ausflßgen in die Umgebung, Theater und Konzert, Bibliothek und Spiel.
- Gäste: Das Weltbad war attraktiv fĂźr Gäste aus allen bewohnten Kontinenten. Besondere Aufmerksamkeit genossen prominente Besucher, die weitere Besucher, vor allem aus Adel und gehobenem BĂźrgertum, anzogen. Ăber Standesgrenzen hinweg interagierten unterschiedliche wohlhabende BevĂślkerungsgruppen in kosmopolitischer, informeller Atmosphäre, was zu Geschäftsanbahnungen und diplomatischen Verhandlungen genutzt wurde.
- Architektur: Es gibt Kur-, Villen- und Versorgungsviertel, Gärten und Parks mit flieĂendem Ăbergang in die umgebende Landschaft.
- Infrastruktur und Versorgung: Ein Weltbad bot trotz der geringen Zahl an Einwohnern den Gästen allen zeitgenĂśssischen Komfort, der damals noch nicht einmal in allen GroĂstädten Ăźblich war. Dazu gehĂśren guter Verkehrsanschluss, KommunikationsmĂśglichkeiten (wie Telegrafie und Telefon auf dem jeweils neuesten Stand), luxuriĂśses Warenangebot, differenzierte Hotellerie und Gastronomie sowie modernste Technologie beispielsweise hinsichtlich der Energieversorgung oder der Wasserver- und Abwasserentsorgung.[3][4]
Elf dieser traditionellen Kurbäder sind 2021 unter dem Namen Great Spa Towns of Europe (englisch fĂźr: âBedeutende Kurstädte Europasâ) in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen worden, darunter die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen.[5]
Arten von Kurorten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In Deutschland werden die folgenden Artbezeichnungen vergeben:
- Heilbad (z. B. Seeheilbad, Mineral-Heilbad, Moorheilbad, Peloid-Heilbad, Thermalheilbad)
- Ort mit Heilquellenkurbetrieb, Moorkurbetrieb, Heilstollenkurbetrieb, Peloid-Kurbetrieb oder Sole-Kurbetrieb
- Heilklimatischer Kurort
- Kneippkurort (auch Kneipp-Kurort)
- Seebad
- Luftkurort
Erholungsorte, KĂźstenbadeorte und Fremdenverkehrsgemeinden sind keine Kurorte, werden aber ebenfalls staatlich anerkannt.
Anerkennung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In Deutschland erfolgt die Anerkennung als Kurort (auch âPrädikatisierungâ) durch das zuständige Ministerium des jeweiligen Bundeslandes. Grundlage ist regelmäĂig ein Gesetz (âKurortegesetzâ) oder (in Bayern, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein) eine Verordnung, ggf. ergänzt durch Erlasse. Anerkennungsgrundlagen existieren in allen deutschen Flächenländern. Die Anerkennung kann sich auf eine Gemeinde oder einen Gemeindeteil beziehen.
Alle Flächenländer beziehen die Begriffsbestimmungen â Qualitätsstandards fĂźr die Prädikatisierung von Kurorten, Erholungsorten und Heilbrunnen des Deutschen Heilbäderverbandes e. V. und des Deutschen Tourismusverbandes e. V., also von Interessenverbänden, implizit oder explizit in die Prädikatisierung ein.[6] Diese Qualitätsstandard stellen eine Klammer des fĂśderal gegliederten Kur- und Bäderwesens dar und sollen länderĂźbergreifend fĂźr eine einheitlich hohe Qualität der Kurorte, Erholungsorte und Heilbrunnen in Deutschland sorgen.
Der Status als staatlich anerkannter Kurort oder staatlich anerkannter Erholungsort ist die Voraussetzung fĂźr die Erhebung von Kurabgaben (Kurtaxe) und Fremdenverkehrsabgabe.
Kurmittel und Kurortmedizin
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die therapeutischen MaĂnahmen bei einer Kur, zum Beispiel Bäder, Massagen oder Inhalationen, werden als Kurmittel bezeichnet. Viele Kurorte, in denen die Kurmittel in Kuranstalten oder auch Kurhotels angeboten werden, unterhalten zudem ein eigenes Kurmittelhaus. Diese Häuser werden bzw. wurden in der Regel durch die Kommunen oder die Länder betrieben, um Kurmittel kontrolliert anzuwenden und einen entsprechenden Standard vor Ort zu etablieren. Ein Beispiel dafĂźr ist das Kurmittelhaus in Bad Reichenhall, das 1928 errichtet wurde und bis heute existiert.
Kurorte sind Kompetenzzentren sowohl im Bereich der ärztlichen als auch der therapeutischen Versorgung. So verfĂźgen die Kurärzte zusätzlich zu der Ăźblichen medizinischen Ausbildung Ăźber eingehende Kenntnisse der Ăśrtlichen Naturheilverfahren (ortstypische Heilmittel) und haben entsprechende Erfahrung mit diesen Anwendungen. Die Therapeuten sind in der Regel spezialisiert. So lassen sich bei den Kuraufenthalten unter Umständen grĂśĂere Heilerfolge erzielen als am Wohnort. Zudem ist die kurĂśrtliche Infrastruktur meist so angelegt, dass der Gast viel fĂźr seine Gesundheit tun kann.
Ăsterreich
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Anerkennung als Kurort, Heilklimatischer Kurort und Luftkurort erfolgt in Ăsterreich durch die jeweils zuständige BehĂśrde auf Grund des im jeweiligen Bundesland geltenden Landesgesetzes.[7]
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Deutsche Heilbäder und Kurorte. In: MĂźnchener Medizinische Wochenschrift. Band 95, Teilband 1. Springer, MĂźnchen 1953, ISSN 0341-3098, S. CXXVâCXXIX.
- Michael Matheus (Hrsg.): Badeorte und Bäderreisen in Antike, Mittelalter und Neuzeit. Steiner, Stuttgart 2001, ISBN 3-515-07727-8.
- Andrea Pßhringer, Martin Scheutz (Hrsg.): Die Kurstadt als urbanes Phänomen. Konsum, Idylle und Moderne. BÜhlau, Wien/KÜln 2023, ISBN 978-3-412-52588-0.
- Lu Seegers, Matthias Freese, Malte ThieĂen (Hrsg.): Kurorte in der Region. Gesellschaftliche Praxis, kulturelle Repräsentationen und Gesundheitskonzepte vom 18. bis zum 21. Jahrhundert. Wallstein, GĂśttingen 2024, ISBN 978-3-8353-5564-4.
- Peter Weidisch, Fred Kaspar (Hrsg.): Kurort und Modernität. (= Sonderpublikationen des Stadtarchivs Bad Kissingen. Band 11). SchÜningh, Wßrzburg 2017, ISBN 978-3-87717-859-1.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Literatur zum Thema Kurort im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Begriffsbestimmungen des Deutschen Heilbäderverbands der Qualitätsstandards fßr die Prädikatisierung von Kurorten, Erholungsorten und Heilbrunnen
- Landesrecht
- Baden-WĂźrttemberg: Gesetz Ăźber die Anerkennung von Kurorten und Erholungsorten (KurorteG)
- Bayern: Verordnung Ăźber die Anerkennung als Kur- oder Erholungsort und Ăźber die Errichtung des Bayerischen Fachausschusses fĂźr Kurorte, Erholungsorte und Heilbrunnen (AnerkV)
- Brandenburg: Gesetz Ăźber die Anerkennung als Kurort und Erholungsort im Land Brandenburg (Brandenburgisches Kurortegesetz - BbgKOG)
- Hessen: Richtlinien fĂźr die Anerkennung von Kurorten, Erholungsorten und Heilbrunnen
- Mecklenburg-Vorpommern: Gesetz Ăźber die Anerkennung als Kur- und Erholungsort in Mecklenburg-Vorpommern (Kurortgesetz)
- Niedersachsen: Verordnung Ăźber die staatliche Anerkennung von Kur- und Erholungsorten (KurortVO)
- NRW: Kurortegesetz (KOG) und Kurorteverordnung (KOVO)
- Rheinland-Pfalz: Landesgesetz Ăźber die Anerkennung von Kurorten, Erholungsorten und Fremdenverkehrsgemeinden (Kurortegesetz)
- Saarland: Gesetz Nr.1166 Ăźber die staatliche Anerkennung von Kurorten und Erholungsorten (Kurortegesetz) (KurOG)
- Sachsen: Sächsisches Kurortegesetz (SächsKurG und ANVO SächsKurG)
- Sachsen-Anhalt: Verordnung Ăźber die Anerkennung von Kur- und Erholungsorten (KurortVO)
- Schleswig-Holstein: Landesverordnung Ăźber die Anerkennung als Kur- oder Erholungsort
- ThĂźringen: ThĂźringer Gesetz Ăźber die Anerkennung von Kurorten und Erholungsorten (ThĂźringer Kurortegesetz â ThĂźrKOG)
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Die Begriffsbestimmungen. In: Deutscher Heilbäderverband; Deutscher Tourismusverband. 2023, abgerufen am 10. April 2025.
- â Kurorte sind Säulen der Gesundheitswirtschaft ( vom 1. Dezember 2017 im Internet Archive), Versicherungswirtschaft heute, 23. Juni 2014.
- â Weltbad Kissingen, Bad Kissingen In: badkissingen.de, abgerufen am 13. Februar 2018.
- â Andreas FĂśrderer: Charakteristika des Typus âKurstadtâ. (PDF; 3,97 MB) Vergleichsstudie âPlaygrounds Europeâ: Europäische Kurstädte und Modebäder des 19. Jahrhunderts. In: baden-baden.de. 2010, abgerufen am 13. Februar 2018 (S. 33 ff., Zusammenfassung S. 102).
- â Unesco: Darmstädter MathildenhĂśhe, Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen Weltkulturerbe. 24. Juli 2021, abgerufen am 5. Juni 2025.
- â Deutscher Heilbäderverband und Deutscher Tourismusverband: Begriffsbestimmungen / Qualitätsstandards fĂźr Heilbäder und Kurorte, Luftkurorte, Erholungsorte - einschlieĂlich der Prädikatisierungsvoraussetzungen - sowie fĂźr Heilbrunnen und Heilquellen â 13. Auflage, November 2017. Abgerufen am 28. März 2024.
- â Liste der Kurorte in Ăsterreich