Zum Inhalt springen

Lean Development

aus Wikipedia, der freien EnzyklopÀdie

Lean Development (auch Lean Product Development) ist die Anwendung des Lean-Management-Konzepts „Lean Production“ auf den Produktentstehungsprozess (PEP).

Die Anwendung schlanken Denkens in der Produktion hat zu großen Erfolgen gefĂŒhrt. Die Erfolgsgeschichte von Toyota kann aber in ihrer Dynamik und Nachhaltigkeit durch eine schlanke Produktion alleine nicht mehr erklĂ€rt werden. Durch die Analyse der vergangenen Jahre ist vielmehr deutlich geworden, dass Lean Production bei Toyota nicht etwa ein singulĂ€res Produktionssystem ist, sondern vielmehr das Ergebnis einer Unternehmenskultur im Bereich der Produktion darstellt.

Diese schlanke Unternehmenskultur kann ĂŒber die Produktion hinaus auch weitere Unternehmensprozesse prĂ€gen. Damit können traditionelle Organisationsfelder wie Innovation, F&E-Management, Vorentwicklung, Applikation, Anlaufmanagement, Entwicklungslieferanten etc. auf ein in sich geschlossenes gemeinsames Fundament gestellt werden. Erfolgt dies bei dem der Produktion direkt vorgelagerten Kernprozess der Produktentstehung spricht man von Lean Development.

Die fĂŒnf Leitprinzipien des Lean Management

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. Wert: Spezifiziere prÀzise den Wert deines Produktes
  2. Wertstrom: Erkenne den Wertstrom
  3. Flow: Erzeuge einen Wertstromfluss ohne Unterbrechungen
  4. Pull: Lasse den Kunden den Takt der Bearbeitung bestimmen
  5. Perfektion: Verbessere die Dinge kontinuierlich

sind eben auch in der Entwicklung zu verwirklichen und prÀgen dann das Lean Development (engl. lean product development) des jeweiligen Unternehmens.

Vereinfachend kann man sagen, dass Lean Development im Kern darauf beruht, Strukturen, Prozesse und Werkzeuge auf UnnĂŒtzes, das heißt „Verschwendung“ (jap. Muda), hin zu untersuchen und die identifizierten Schwachpunkte und deren Verschwendungsursachen durch Gegenmaßnahmen zu bekĂ€mpfen. Im Zentrum der Muda-Eliminierung steht die Erkenntnis, dass die gleichen Gestaltungsprinzipien, die zu schlanken Produktion fĂŒhren, auch auf die Leistungserstellung in der Produktentstehung anwendbar sind und dort zu einer effizienten („die Dinge richtig machen“) und effektiven („die richtigen Dinge machen“) Arbeitsfolge fĂŒhren. So entsteht Lean Development, das aufgrund seiner enormen Reichweite und Hebelwirkung das Potenzial fĂŒr einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil bietet. Die Studie „Lean Development in Deutschland“[1] hat unter anderem gezeigt, dass in Entwicklungsprozessen 20–30 % der KapazitĂ€t durch Verschwendung gebunden sind. Ziel der Lean Development Initiativen ist es, diese neu gewonnene KapazitĂ€t in wertsteigernde TĂ€tigkeiten zu investieren, so dass z. B. die Time-to-Market verkĂŒrzt wird, mehr Projekte mit gleicher Mannschaft möglich werden, sichere ProduktionsanlĂ€ufe und eine bessere ProduktqualitĂ€t gesichert werden.

„Lean Development“ darf nicht mit dem Toyota-Produktionssystem verwechselt werden. Toyota war der Benchmark in der Studie von Womack, Jones & Roos[2] am MIT (Boston, USA). Lean ist jedoch ein aus dieser Studie entwickeltes akademisches Konstrukt, das sich bis zum heutigen Tag weiterentwickelt und im umfassenden „Lean-Thinking“-Ansatz mĂŒndet. Die zum Toyota Product Development (z. B. Morgan & Liker)[3] öffentlich zugĂ€nglichen Informationen beschreiben eher das Vorgehen fĂŒr Applikationskonstruktionen und greifen damit als Kopiervorlage eher zu kurz. Unternehmen, die dem grundlegenden Lean Konzept von Toyota folgen möchten sind daher dazu aufgefordert, ein unternehmensspezifisches Lean Development (LD)-Konzept zu entwickeln.[4] Durch die EinfĂŒhrung von Gestaltungsprinzipien, Methoden und Werkzeugen, die an denen der schlanken Produktion angelehnt sind, ist das Lean Development in der Lage, signifikante Verbesserungen hinsichtlich Lieferzeiten und Produktentwicklungskosten zu erzielen.[5]

Lean Development ist ein noch wenig beachteter Ansatz, wobei die Studie darauf hindeutet, dass viele Unternehmen bereits auf dem Weg sind diesen aufzugreifen. Betrachtet man die aktuelle Fachliteratur, so ist zu erkennen, dass mit unterschiedlichen Herangehensweisen gearbeitet wird. Diese reichen von umfangreichen, methodischen Systembeschreibungen, ĂŒber MethodenbaukĂ€sten, bis hin zu punktuell, aufgabenfixierten Praxislösungen. Es ist zu erwarten, dass sich das Konzept, getrieben durch die Praxiserfahrungen, in schnellen Schritten weiterentwickeln wird.

Gestaltungsprinzipien schlanker Produktentstehungsprozesse

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Gestaltungsprinzipien schlanker Produktentstehungsprozesse

Die Umsetzung eines Lean Development Systems (LDS) basiert, analog zu einem Ganzheitlichen Produktionssystem, auf einer Reihe von Gestaltungsprinzipien, die sich im Wesentlichen auf sieben Prinzipien reduzieren lassen. Zu diesem Ergebnis kommt eine umfangreich angelegte Literaturstudie des Instituts fĂŒr Fabrikbetriebslehre und Unternehmensforschung der TU Braunschweig.[6] Die Gestaltungsprinzipien basieren auf dem Fundament „Vermeidung von Verschwendungen“ und können bildlich durch ein Lean Development-Haus dargestellt werden. Die sieben Gestaltungsprinzipien werden im Folgenden kurz vorgestellt.[7]

Kontinuierlicher Verbesserungsprozess

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die kontinuierliche Verbesserung leitet sich grundsĂ€tzlich von dem kontinuierlichen Verbesserungsprozess (KVP) bei der Implementierung Ganzheitlicher Produktionssysteme ab. Unter BerĂŒcksichtigung einiger Besonderheiten kann der KVP ebenso auf die Produktentstehung angewendet werden. Hierbei darf der Verbesserungsprozess nicht auf die Produktentstehung beschrĂ€nkt werden. Vielmehr muss der gesamte Produktlebenszyklus betrachtet werden, da ein Großteil der Lebenszykluskosten bereits in dem Produktentstehungsprozess fixiert wird. Die Produktentstehung ist zudem in wesentlichem Maße von Innovation und KreativitĂ€t getrieben, sodass die kontinuierliche Prozessverbesserung durch die IndividualitĂ€t und Einmaligkeit erschwert wird.

Methoden zur kontinuierlichen Verbesserung:

Standardisierung

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Produktentstehung ist durch kognitive und kreative Prozesse geprĂ€gt und lĂ€sst sich aufgrund ihrer IndividualitĂ€t nur schwer standardisieren. Eine Unterscheidung in repetitive und kreative Prozesse erscheint sinnvoll, wobei vor allem repetitive Prozesse große Standardisierungspotenziale aufweisen. Am Beispiel Toyota können die unterschiedlichen Bereiche zur Standardisierung veranschaulicht werden:[3]

  1. Design-Standardisierung: Nutzung gleicher Komponenten, Plattformen, Produkte
  2. Prozessstandardisierung: Aufgaben und deren Reihenfolge, Arbeitsanweisungen
  3. Standardisierung der Ingenieurqualifikationen: Standardisierung der FĂ€higkeiten und Fertigkeiten von Entwicklungsingenieuren

Methoden zur Standardisierung:

Fließ- und Pull-Prinzip

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die EinfĂŒhrung des Pull-Prinzips in der Produktentstehung beschrĂ€nkt sich darauf, notwendige Informationen zur richtigen Zeit, in der geforderten QualitĂ€t, am richtigen Ort zur VerfĂŒgung zu stellen.[8] Eine Optimierung der Prozesse wird erzielt, indem ArbeitsaufwĂ€nde gleichmĂ€ĂŸig verteilt werden und Arbeitsphasen im nĂ€chsten Schritt durch Anwendung des KVPs stetig verkĂŒrzt werden.

Methoden zum Fließ- und Pull-Prinzip:

Mitarbeiterorientierung und zielorientierte FĂŒhrung

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Gegensatz zur klassischen MitarbeiterfĂŒhrung ist die zielorientierte FĂŒhrung und Mitarbeiterorientierung im Lean Development von gegenseitigem Vertrauen geprĂ€gt. Der Mitarbeiter fungiert als Experte, der die Schwachstellen kennt und vom FĂŒhrungspersonal die Befugnis erhĂ€lt MissstĂ€nde eigenstĂ€ndig zu beheben, Verbesserungen voranzutreiben und zu kontrollieren. Eine offene Kultur, frei von gegenseitigen Beschuldigungen (No-Blame-Kultur) ist dabei essenziell, um die Mitarbeiter zu motivieren, kontinuierlich MissstĂ€nde aufzudecken und zu beheben.

Methoden zur Mitarbeiterorientierung und zielorientierte FĂŒhrung:

  • Hoshin Kanri
  • Fehler- und No-Blame-Kultur
  • Qualifizierungsplanung

Null-Fehler-Prinzip

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Null-Fehler-Prinzip in der Produktentstehung betrifft zum einen die durchgehende, sorgfĂ€ltige und vollstĂ€ndige Übergabe von Informationen innerhalb der Prozesse in einem Lean Development System. Weiterhin ist sicherzustellen, dass mögliche MissstĂ€nde beim entwickelten Produkt in frĂŒhen Stadien entdeckt werden. Hierzu eignen sich Methoden wie das Rapid Prototyping oder das Cardboard Engineering.

Methoden fĂŒr das Null-Fehler-Prinzip:

Visuelles Management

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Darstellung von Informations- und WissensflĂŒssen gestaltet sich im Produktentstehungsprozess teilweise schwierig, da diese hĂ€ufig nicht sichtbar sind. Das visuelle Management in einem Lean Development System zielt daher auf eine transparente Darstellung von Projektfortschritten ab. Hierbei kann durch kontinuierliche, transparente Soll-Ist-Vergleiche der Stand der Entwicklung visuell und fĂŒr alle Mitarbeiter sichtbar dargestellt werden.

Methoden zum visuellen Management:

  • Visualisierung von Projektinhalten / Obeya
  • Go-to-Gemba
  • 5S

Das Frontloading basiert auf der Erkenntnis, dass der Großteil anfallender Produktkosten in der Produktentstehung festgelegt wird. Es gilt als zentrales Gestaltungsprinzip im Lean Development und hat das Ziel, durch grĂŒndliche und weitsichtige PlanungsaktivitĂ€ten kĂŒnftige Verschwendungen zu vermeiden. In der Praxis werden ProduktĂ€nderungen hĂ€ufig erst spĂ€t veranlasst und verursachen dabei hohe Kosten. Das Lean Development versucht diesem Problem durch eine Wissenserhöhung im Bereich der Produktplanung zu begegnen, welche im Wesentlichen durch eine Aufstockung der PersonalkapazitĂ€ten geschaffen werden kann. Dabei entstehende Mehrkosten können in spĂ€teren Produktlebenszyklen wieder eingespart werden.

Methoden fĂŒr das Frontloading:

Ziele im Lean Development

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die wichtigsten Zielsetzungen eines Lean Development Systems können auf die drei Zieldimensionen

  • EffektivitĂ€t
  • Effizienz und
  • BefĂ€higer

zurĂŒckgefĂŒhrt werden.[9] Diesen Zieldimensionen können wiederum ZielgrĂ¶ĂŸen zugeordnet werden.[10]

EffektivitÀt

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

EffektivitĂ€t im Produktentstehungsprozess beschreibt die Entwicklung von Produkten, die eine Nachfrage am Markt generieren und von Kunden erworben werden. „Die richtigen Dinge tun“ ist der Leitspruch der EffektivitĂ€t und bedeutet bezogen auf den Produktentstehungsprozess, aus einer Vielzahl von Ideen, die richtigen bzw. erfolgversprechenden auszuwĂ€hlen und Produkte gewinnbringend auf den Markt zu bringen. Zielsetzungen einer effektiven Produktentstehung können unter anderem sein:

Effizienz meint „Die Dinge richtig tun“ und bedeutet in Bezug auf die Produktentstehung, eine verschwendungsarme Entwicklung zu gewĂ€hrleisten, indem nicht-wertschöpfende TĂ€tigkeiten weitestgehend reduziert werden. ZielgrĂ¶ĂŸen dieser Dimension sind:

  • Hohe QualitĂ€t
  • Kurze Entwicklungszeiten
  • Geringe Kosten

BefÀhiger beschreiben FÀhigkeiten, die vonnöten sind um einen effektiven und effizienten Produktentstehungsprozess zu erreichen. Zugehörige Zielsetzungen sind:

  • Qualifizierte Mitarbeiter („Können“)
  • Motivierte Mitarbeiter („Wollen“)
  • FĂ€hige Organisation („DĂŒrfen“), die einen regen Wissensaustausch von Abteilungen fördert ist notwendig. Kennzahl: Anzahl Meetings, Anzahl Eskalationen pro Projekt.
  • FĂ€hige Lieferanten
  • Uwe Dombrowski: Lean Development: Aktueller Stand und zukĂŒnftige Entwicklungen. Springer Vieweg, Heidelberg 2015
  • O. Fieth, T. Huber: Einstieg in die schlanke Produktentstehung. In: CADplus Business+Engineering, 04/2005, S. 23 ff.
  • H. Joka: Lean Management braucht die angstfreie konstruktive Diskussion. In: VDI nachrichten, 7. MĂ€rz 2008, Nr. 10, S. 19.

Einzelnachweise

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. ↑ M. Graebsch, U. Lindemann, S. Weiß: Lean Development in Deutschland: Eine Studie ĂŒber Begriffe, Verschwendung und Wirkung. Dr. Hut, MĂŒnchen 2007, ISBN 978-3-89963-496-9
  2. ↑ J.P. Womack, D.T. Jones, D. Roos: The Machine That Changed the World: The Story of Lean Production – Toyota’s Secret Weapon in the Global Car Wars That Is Now Revolutionizing World Ind. Free Press, New York 2007, ISBN 978-0-7432-9979-4
  3. 1 2 J.M. Morgan, J.K. Liker: The Toyota Product Development System – Integrating People, Process, and Technology. Productivity Press, New York 2006, ISBN 978-1-56327-282-0
  4. ↑ Uwe Dombrowski: Lean Development: Aktueller Stand und zukĂŒnftige Entwicklungen. Springer Vieweg, Heidelberg 2015, ISBN 978-3-662-46163-1
  5. ↑ Uwe Dombrowski: Lean Development: Aktueller Stand und zukĂŒnftige Entwicklungen. Springer Vieweg, Heidelberg 2015, ISBN 978-3-662-46163-1, S. 198
  6. ↑ Uwe Dombrowski: Lean Development: Aktueller Stand und zukĂŒnftige Entwicklungen. Springer Vieweg, Heidelberg 2015, ISBN 978-3-662-46163-1, S. 12
  7. ↑ Uwe Dombrowski: Lean Development: Aktueller Stand und zukĂŒnftige Entwicklungen. Springer Vieweg, Heidelberg 2015, ISBN 978-3-662-46163-1, Kap. 2
  8. ↑ F.J. Brunner: Japanische Erfolgskonzepte – KAIZEN, KVP, Lean Production Management, Total Productive Maintenance, Shopfloor Management, Toyota Production Management. Hanser, MĂŒnchen 2008
  9. ↑ Uwe Dombrowski, K. Schmidtchen, D. Ebentreich: Balanced Key Performance Indicators in Product Development. Internat Conf on Manufacturing and Industrial Engineering. Kota Kinabalu, Malaysia, 2012
  10. ↑ Uwe Dombrowski: Lean Development: Aktueller Stand und zukĂŒnftige Entwicklungen. Springer Vieweg, Heidelberg 2015, ISBN 978-3-662-46163-1, S. 170–182