Tenderloin (Manhattan)

Tenderloin (englisch: âFilet; zartes LendenstĂźckâ) war vom späten 19. bis zum frĂźhen 20. Jahrhundert der Name eines VergnĂźgungsviertels und Rotlichtbezirks im Herzen vom Stadtbezirk Manhattan in New York City.[1]
Lage
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Tenderloin erstreckte sich ursprßnglich von der 23rd Street zur 42nd Street und von der Fifth Avenue zur Seventh Avenue.[1] Bis um 1900 hatte es sich in nÜrdlicher Richtung bis zur 57th Street bzw. 62nd Street und Richtung Westen zur Eighth Avenue ausgedehnt.[2][3] Auch die sßdliche Grenze des Viertels verschob sich nach Norden zur 42nd Street. Damit schloss dieses New Tenderloin Anfang des 20. Jahrhunderts Gebiete wie den heutigen Flatiron District, NoMad, Chelsea, Clinton, den Garment District und den Theater District ein.
Namensgeschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Polizei-Captain Alexander S. âClubberâ Williams gab der Gegend 1876 ihren Namen, als er in einen Polizeibezirk im Herzen dieses Viertes versetzt wurde. Bezogen auf die hĂśheren Zahlungen, die er voraussichtlich fĂźr den Schutz von rechtmäĂigen wie rechtswidrigen Machenschaften hier bekommen wĂźrde, vor allem von den vielen Bordellen, sagte Williams: âIâve been having chuck steak ever since Iâve been on the force, and now Iâm going to have a bit of tenderloin.â (deutsch: âSeitdem ich bei der Truppe bin hab ich immer nur Rinderhalssteak gehabt und jetzt werde ich ein bisschen Filet abbekommen.â)[2][1] Williams war ein legendäres Symbol fĂźr die Korruption der Polizei zu jener Zeit und strich so viel Bestechungsgelder ein, dass er 1895 bei seiner Zwangspensionierung als Millionär in Rente gehen konnte.[3]
Geschichte
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Im frĂźhen 19. Jahrhundert befand sich der bedeutendste Rotlichtbezirk New York Citys noch sĂźdlich des späteren Tenderloin in der Gegend des heutigen SoHo und hieĂ damals Hellsâ Hundret Acres (Ăźbersetzt: âDie einhundert Morgen der HĂślleâ). Als sich aber die Stadt kontinuierlich Richtung Norden ausdehnte, verlagerten sich auch der Theaterbezirk und die Bowery zusammen mit den legalen und illegalen Geschäften, die Ăźblicherweise mit dem Showgeschäft einhergingen, nordwärts â zunächst rund um den Union Square und die 14th Street.
Als das Fifth Avenue Hotel an der 23rd Street und Fifth Avenue im Jahre 1859 seine Pforten Ăśffnete, setzte sich diese Verlagerung der VergnĂźgungsangebote Richtung Norden weiter fort und das Tenderloin entstand: Bis 1870 bekam das Hotel viel Konkurrenz in dieser Gegend und wo Hotels waren, zogen die Prostituierten nach.[2] In den 1880er Jahren befanden sich im Tenderloin die meisten Nightclubs, Saloons, Bordelle, Spielcasinos, Tanzhallen und Stripclubs (clip joints) in New York City. Einer Schätzung von 1885 zufolge sollen etwa die Hälfte aller Gebäude hier fĂźr eines der unterschiedlichen Angebote eines VergnĂźgungsviertels genutzt worden sein.[4] Die Gegend wurde damals auch als Satanâs Circus bezeichnet[1] und Pfarrer Thomas De Witt Talmage, der gegen das Laster ankämpfte, prangerte die Stadt New York als âmodernes Gomorrhaâ an, da sie diesen Zustand zulieĂ.[4]
Die Kundschaft dieser Etablissements gehÜrte nicht notwendigerweise der Arbeiterklasse an. So fßhrten sieben Schwestern ihre Bordelle direkt nebeneinander in einer Wohngegend auf der West 25th Street und luden ihre Kundschaft aus der Oberschicht mit gravierten Einladungen ein. An manchen Abenden war nur Herren in formaler Abendkleidung der Zutritt erlaubt und die Prostituierten dieser Häuser waren auch auf der gesellschaftlichen Ebene sehr versiert.[2] Am 24. Dezember spendeten die Schwestern die Einnahmen fßr wohltätige Zwecke.[5]

Andere bekannte VergnĂźgungslokale waren die Koster and Bial's Music Hall an der Sixth Avenue und 23rd Street, ein Konzertsaal in dem beispielsweise der Cancan aufgefĂźhrt wurde oder der Haymarket, eine Tanzhalle an der Sixth Avenue sĂźdlich der 30th Street, wo Sex-Ausstellungen gezeigt wurden und die reiche Kundschaft mit Prostituierten tanzen konnte â jedoch nicht zu eng. FĂźr ungestĂśrten Sex konnten sich die Freier hier mit den Prostituierten in Abteile zurĂźckziehen, die mit Vorhängen abgeteilt waren. Auf der West 29th Street gab es eine fast ununterbrochene Reihe von Bordellen und auf der West 26th Street wurden viele SpielhĂśllen von John Daly oder der Madison Square Club von Richard A. Canfield betrieben.[6]
Die âHauptstraĂeâ des Viertels war der Broadway zwischen der 23rd Street und der 42nd Street â auch damals als The Line bekannt. Mitte der 1890er Jahre â nach der EinfĂźhrung der elektrischen Beleuchtung â erhielt der Abschnitt des Broadways von der 23rd Street zur 34th Street aufgrund der zahlreichen erleuchteten Werbeschilder den Beinamen The Great White Way. Dieser Spitzname wurde auf den Times Square Ăźbertragen, als der Theater District Richtung Norden zog.[7]

Kriminalität war ebenfalls ein wichtiger Aspekt vom Tenderloin, das als die kriminelleste Gegend in der kriminellsten Stadt der Vereinigten Staaten erachtet wurde.[3] Bis zu einem gewissen Grad hielt die Bestechlichkeit der Polizei die Kriminalität unter Kontrolle, da dadurch die finanzielle Beziehung zwischen der Polizei und den Kriminellen geregelt war, aber die Gegend war zu groĂ, um die StraĂenkriminalität vollständig im Griff zu haben. 1906 schrieb William McAddo, der 1904 und 1905 Polizeichef von New York City war, dass der âPolizeibezirk Tenderloin, wie jedermann weiĂ, der wichtigste Bezirk in New York, wenn nicht der Vereinigten Staaten oder vielleicht der ganzen Welt ist, vom Umfang an Polizeiaufgaben, die hier erfĂźllt werden, und vom Charakter der Nachbarschaft her.â (Englisch: âTenderloin [police] precinct, as every one knows, is the most important precinct in New York, if not in the United States, or probably in the world, from the amount of police business done there and from the character of the neighborhood.â)[3]
DarĂźber hinaus war das Tenderloin auch eine Wohngegend in der ein groĂer Teil von Manhattans afroamerikanischer BevĂślkerung lebte[8] â insbesondere im sĂźdlichen und westlichen Teil der Gegend. So wurde etwa die Seventh Avenue im Tenderloin African Broadway genannt.[3] Um 1914 begannen jedoch die Afroamerikaner der Mittelschicht vom Tenderloin nach Harlem zu ziehen, das ursprĂźnglich eine Wohngegend mit weiĂer BevĂślkerung war.
Hin und wieder gab es organisierte Versuche das Tenderloin aufzuräumen. Reformistische BĂźrgermeister wie William Russell Grace und Abram Hewitt genehmigten Razzien auf Saloons oder Bordelle, auch wenn diese unter dem Schutz von âClubberâ Williams standen, aber die Wirkung war normalerweise zeitlich begrenzt: Die Prostituierten tauchten dann auĂerhalb des Tenderloin unter und kamen wieder zurĂźck, wenn die Welle an Razzien abebbte. Unter dem Strich trieben dieser Aktionen lediglich die Kosten fĂźr den Schutz der Etablissements in die HĂśhe, was Williams nur noch reicher machte, weshalb er schlieĂlich als Millionär in Rente gehen konnte und auch der Tammany Hall floss so mehr Geld zu, da sie damals von Bestechungsgeldern und der Korruption des Viertels profitierte.[9]
Die Frustration Ăźber diese Situation fĂźhrte zu Anthony Comstocks Feldzug gegen das Laster in diesem Viertel mit UnterstĂźtzung der New Yorker Handelskammer, der US-Bundesregierung und deren United States Postal Service sowie bedeutenden BĂźrgern der Stadt wie J. P. Morgan. Comstocks Kreuzzug kannte keine Grenzen. Er konnte genauso gut âSchmutzliteraturâ in den Bibliotheken anprangern wie auch Prostitution im Tenderloin und gemeinsam mit dem Pfarrer Talmage gelang es ihm ein Gesetz zum Verbot von Billardlokalen durchzusetzen, die danach aber dennoch unbehelligt weiterbetrieben wurden.[10]
SchlieĂlich fĂźhrten dieselben Umstände, die das Tenderloin hervorgebracht hatten, auch zu dessen AuflĂśsung: Als die Theater und Hotels erneut Richtung Norden zogen, folgten die Bordelle und Tanzhallen, so dass bereits 1906 William McAdoo feststellte, dass sich die nĂśrdliche Grenze des Tenderloin zur 62nd Street verschoben hatte und die sĂźdliche Grenze dieses âNew Tenderloinâ â wie er es nannte â die 42nd Street sei. Diese Entwicklung sorgte seiner Meinung nach fĂźr eine ârasche AuflĂśsung des vergnĂźgungsorientierten, lasterhaften Teils des Old Tenderloin.â (englisch: âis rapidly depleting the ranks of the sporting vicious element in the Old Tenderloin.â)[3]
Tenderloin in Literatur und Musical
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Das Tenderloin des frßhen 20. Jahrhunderts wird in den Memoiren Behind The Green Lights des Polizei Captains Cornelius Willemse beschrieben.
- Owen Davis siedelte eine Reihe von Geschichten fĂźr die Police Gazette in den Tanzhallen und Restaurants des Tenderloins an. Sie wurden später gesammelt als Sketches of Gotham (1906) unter dem Pseudonym âIke Swiftâ verĂśffentlicht.
- Die Bordelle des Tenderloin, die wiederholt von Razzien der Truppe von Anthony Comstock betroffen waren, wurden der Schauplatz fĂźr das Musical Tenderloin von Sheldon Harnick und Jerry Bock aus dem Jahre 1960, das auf einem Roman von Samuel Hopkins Adams basiert.
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 3 4 Lisa Elsroad: Tenderloin. In: Kenneth T. Jackson (Hrsg.): The Encyclopedia of New York City. Yale University Press, New Haven 1995, ISBN 0-300-05536-6, S. 1161.
- 1 2 3 4 Burrows & Wallace, S. 959.
- 1 2 3 4 5 6 New York City Landmark Preservation Commission: 23rd Police Precinct (âTenderloinâ) Station House Designation Report. ( des vom 2. März 2010 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprĂźft. Bitte prĂźfe Original- und Archivlink gemäà Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. (PDF; 5,6 MB), S. 2â3.
- 1 2 Federal Writers Project, S. 147.
- â Federal Writers Project, S. 164.
- â Burrows & Wallace, S. 1148â1149.
- â Burrows & Wallace, S. 1066.
- â Burrows & Wallace, S. 1112.
- â Burrows & Wallace, S. 1163.
- â Burrows & Wallace, S. 1163â1165.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Edwin G. Burrows, Mike Wallace: Gotham: A History of New York City to 1898. Oxford University Press, New York 1999, ISBN 0-19-511634-8.
- Federal Writersâ Project: New York City Guide. Random House, New York 1939, ISBN 0-403-02921-X (Neuauflage bei Scholarly Press, 1976; oft als âWPA Guide to New York Cityâ bezeichnet).